"Neue Kärntner Tageszeitung" Kommentar: Verwundbare Festung

Ausgabe vom 13. 09. 2001

"Seit Stalin und den Nazis übertrifft die Wirklichkeit die Fiktion", sagt der 85-jährige amerikanische Dramatiker Arthur Miller. In der Tat scheint die Phantasie der Brutalität dem Bösen, dem Unmenschen im Menschen, hinterherzustapfen. Es ist die Realität, die heute die Fiktion diktiert. Eine Realität, die mit 11. September 2001 dem Gang der Geschichte eine nie dagewesene Dimension aufgezwungen hat. Eine Dimension der unkalkulierbaren - und dennoch menschlichen - Gewalt.

Die Welt zeigt sich vereint, verbündet, brüderlich wie nie: Schock und Entsetzen sitzen tief. Das Unvorstellbare ist eingetreten. Ein Massenmord, ein Terrorakt, der nicht alleine Amerika getroffen hat. Vielmehr: Ein Anschlag, der Demokratie und Freiheit erschütterte. Ein Anschlag auf die Menschlichkeit.

Die Antwort auf das Entsetzen? Ist es der Gegenschlag, wie ihn amerikanische Medien fordern? Die US-Presse will nach dem Terrorismus den Krieg. Die plötzliche Verwundbarkeit ihrer Weltsupermacht sollte gesühnt sein. Muss gesühnt sein. Die vermeintliche Festung USA darf nicht in Trümmern bleiben. Und sie kann - so meint der aus seiner heilen Illusion gerissene Amerikaner - nur wieder erstehen, wenn man den Feind erschlägt. Mit seinem blutigen Untergang wird die eigene Wunde heilen. US-Präsident George Bush dürfte am Tag des Terrors -wie sein Volk - nach Rache gelechzt haben. Sofort und gnadenlos. Die brutale Vergeltung musste warten: der Feind war unsichtbar. Heute -so hofft die Welt - wird ein besonnener Bush die amerikanische Wunde nicht mit einem blinden Racheakt lecken.

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