DER STANDARD-Kommentar: "Kriegserklärungen: Welche Optionen die USA haben, auf die Herausforderung des Terrors zu antworten" (von Erhard Stackl) - Erscheinungstag 13.09.2001

Wien (OTS) - Als "Krieg gegen die USA", auf den diese eben "wie
auf einen Krieg antworten" müssten, bezeichnete US-Außenminister Colin Powell die monströsen Terroranschläge gegen die Vereinigten Staaten.

Die Frage, wie diese amerikanische Antwort aussehen wird, ist nun eine der brennendsten und für die weltpolitische Entwicklung der nächsten Jahre entscheidendsten überhaupt. Noch herrscht über die Drahtzieher des Massenmordes keine Klarheit, sobald aber konkrete Spuren zu einem Terrornetz wie dem von Osama Bin Laden auftauchen, ist weit mehr als ein Luftschlag der USA, etwa gegen Ausbildungslager der Terroristen, zu erwarten. Sollte ein Staat in das Verbrechen involviert sein, so rechnen Kenner der USA, darunter ein früherer österreichischer Botschafter in Washington, mit einer umfassenden Militäraktion.

Speziell in Europa wächst die Sorge vor einer amerikanischen Überreaktion, die bis zu einem regionalen Krieg im Nahen Osten führen könnte. In den USA selbst ist die öffentliche Meinung wieder in jene Lager gespalten, die im Kalten Krieg "Falken" und "Tauben" genannt wurden.

Die Hardliner, zu denen dieses Mal auch der frühere Außenminister Henry Kissinger zählt, fordern bereits, Regierungen, die Terroristen beherbergen, müssten nun dafür einen "exorbitanten Preis" zahlen. In Kommentaren wird in kriegerischer Sprache verlangt, den Feind zu "pulverisieren", ein Kolumnist der Washington Post forderte den US-Kongress auf, sofort eine Kriegserklärung zu beschließen und die Namen der betroffenen Länder noch offen zu lassen. Alle Unterstützer des Terrors müssten von den USA "eliminiert" werden und - im Sinne des neuen "Unilateralismus" - notfalls von diesen allein.

Die "Tauben" halten dem entgegen, dass diese Haltung der gegenwärtigen Politik der Israelis entspreche, denen es mit extrem hartem Vorgehen gegen die Palästinenser dennoch nicht gelungen sei, für die eigene Bevölkerung Sicherheit zu schaffen. Angebote Europas, Russlands und auch Chinas, gemeinsam gegen den Terror vorzugehen, sollten angenommen werden.

Die These vom "Kampf der Kulturen" des umstrittenen US-Politologen Samuel Huntington macht wieder die Runde. Israels Expremier Benjamin Netanyahu spricht davon, dass Staaten wie der Irak, Iran und Afghanistan, aber auch die Palästinenser den "Westen verschlingen" wollten. Für sie sei "unsere freie Zivilisation satanisch".

Die Verdammung eines ganzen Kulturkreises - des islamischen -könnte aber in Art einer self-fulfilling prophecy zur Folge haben, dass die Zahl der Feinde noch massiv wächst. Gemäßigte Regime wie jene Ägyptens oder Jordaniens könnten von radikalen Elementen weggefegt werden.

Es ist aber gar nicht gesagt, dass die US-Öffentlichkeit tatsächlich nach Rache schreit. Laut ersten Umfragen fordert nur jeder fünfte befragte Amerikaner, dass Bush umgehend mit einem Militärschlag antworten solle.

Unausweichlich scheint es allerdings zu sein, dass in den USA und über sie hinaus Sicherheitsmaßnahmen künftig verstärkt in das tägliche Leben eingreifen werden - vom Reiseverkehr bis zum Städtebau.

Dies wird sich auch auf den Alltag in Europa auswirken. Verfehlt wäre es aber, wenn Europäer, wie das in zahlreichen Internet-Postings geschieht, nun den USA als "imperialer Supermacht" selbst die Schuld dafür geben, zum Ziel des Terrors geworden zu sein. Für die Armut in der Welt sind die Europäer mit ihrer kolonialen Vergangenheit ebenso mitverantwortlich wie bis zu einem gewissen Grad auch Eliten in den im Elend vegetierenden Ländern.

Den Humus, auf dem Terror gedeiht, bilden aber sehr wohl erlittenes Unrecht und soziale Konflikte, für deren Lösung die ganze Welt arbeiten muss. Das sollte die Message Europas an die USA sein, die aber mit der Versicherung verbunden werden muss, dass man bereit ist, gemeinsam das globalisierte politische Verbrechen zu bekämpfen -mit Methoden, die demokratischen Staaten entsprechen.

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