DER STANDARD-Kommentar: "Die Mängel im Alltag" (von Conrad Seidl) -

Erscheinungstag 11.09.2001

Wien (OTS) - Ein Feldspital hier, ein Giftgas-Verifikationsexperte da; Kontrollen für Demarkationslinien und Soforthilfe nach Erdbeben; Maßnahmen gegen Waffenschmuggel im Kosovo und Wacheschieben gegen Menschenschmuggel an der eigenen Grenze. Es gibt kaum ein mit militärischen Mitteln lösbares Problem, zu dem nicht sofort Soldaten des Bundesheeres abgestellt werden sollten.

Der spontane Vorschlag von Außenministerin Benita Ferrero-Waldner, Österreich solle "sich auch sicherheitspolitisch verantwortlich für die Region fühlen" und womöglich Soldaten zur Stabilisierung der Lage in Mazedonien expedieren, kam daher mit jener Routine, mit der das Bundesheer in den letzten Jahren zu mehr als einem Dutzend neuer Aufgaben in Marsch gesetzt worden ist. Es hat bisher immer geklappt, Österreichs Soldaten ist bei jedem ihrer Auslandsaufträge eine hochprofessionelle Erfüllung der ihnen gestellten Aufgaben attestiert worden.

Verteidigungsminister Herbert Scheibner hat nun erstmals deutlich gemacht, dass die Sache nicht ganz so selbstverständlich ist, wie sie von anderen Politikern offenbar gesehen wird.

Denn während die mehr oder weniger prestigeträchtigen Einsätze des Bundesheeres unter größter materieller und personeller Anstrengung klappen, bricht der alltägliche Betrieb in den Kasernen unbemerkt in sich zusammen.

Es fehlt an allem: zunächst einmal an flexibel einsetzbaren Berufssoldaten. Denn im Bundesheer gilt das Prinzip der Freiwilligkeit für Auslandseinsätze und das Prinzip der Beamtenkarriere für den Dienst im Inland. Das führt dazu, dass sich viele gute Soldaten scheuen, sich ins Ausland abzumelden - es könnte ihnen die Laufbahn ruinieren. Umgekehrt könnten Berufssoldaten nicht beliebig und nach Bedarf zu Einsätzen abkommandiert werden: Wenn ihnen die Lust am Flug in ein Krisengebiet vergeht, können Sie noch am Tag des geplanten Abflugs die Freiwilligenmeldung zurückziehen. Damit wird die mittelfristige Personalplanung auf unterer Ebene unmöglich: In vielen Einheiten weiß man nicht, wer wann für welche Aufgaben verfügbar sein wird.

Noch schwieriger ist es mit der Planung und Benutzung von militärischem Gerät. Dabei geht es nicht nur um das Großprojekt Abfangjäger, an dem immerhin rund 1000 Jobs rund um die Fliegerhorste in Zeltweg und Graz hängen.

Es geht auch nicht um andereres Großgerät wie Transportflugzeuge:
Seit vor zehn Jahren entschieden wurde, dass diese ohnehin zu teuer wären, hat man sich entschlossen, mit gecharterten Fliegern die zunehmenden Auslandsaufgaben zu erledigen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sich der Kauf eigener Transportflieger gerechnet hätte. Probleme gibt es selbst bei so einfachen Dingen wie Lkw - viele Fahrzeuge des Heeres hätten im zivilen Bereich keine Betriebsbewilligung mehr. Erst wenn die Mängel im Alltag behoben sind, können neue Aufgaben im Ausland angenommen werden.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/428

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST/OTS