DER STANDARD-Interview mit Michael Haneke: "Wider das Prinzip der Verächtlichkeit" - Erscheinungstag 5.9.2001

Wien (OTS) - "Viennale"-Direktor Hans Hurch ortete unlängst die Forderung eines "Schulterschlusses" gegenüber dem österreichischen Film. Anlass dafür waren die Reaktionen auf das Fehlen von "Die Klavierspielerin" auf der kommenden "Viennale". Im Gespräch mit Dominik Kamalzadeh begründet der Regisseur Michael Haneke seine Entscheidung, den Film dort nicht zu zeigen, und empört sich gegen die Vorwürfe.

Standard: Warum zeigen Sie Die Klavierspielerin nicht auf der Viennale? Haneke: Ich habe noch keinen Film von mir auf der Viennale gezeigt, seitdem Hans Hurch Direktor ist. Von Anfang an habe ich gesagt, solange er das Festival leitet, ist dort nicht mein Platz. Das hat nichts mit dem aktuellen Film zu tun. Er hat sich ja auch bemüht, Code Inconnu zu zeigen, und als er ihn nicht bekommen hat, hat er gesagt, er ist erleichtert, weil er ihn so schlecht findet.

Die Ursache dafür liegt schon lange zurück. Damals noch Filmkritiker, hat er über Kollegen dermaßen gehässig und bösartig geschrieben, dass ich mir gesagt habe, mit dem Mann will ich nichts zu tun haben. Ich war noch im Vorstand des Regieverbands, als Franz Schwartz vom Stadtkino ihn als Mitarbeiter für die erste Diagonale, die damals noch Landvermessung hieß, vorschlug. Wir haben aber gesagt, dass wir Hurch ablehnen, weil wir für die österreichische Filmschau keinen erklärten Verächter des heimischen Spielfilms wollten.

Seitdem hat sich an dieser Einschätzung nichts geändert. Ich denke auch, dass Herr Hurch sich überschätzt. Seine Meinung interessiert niemanden. Er ist der Organisator eines Festivals: Das ist auch schon alles. Er soll versuchen, diese Aufgabe ordentlich zu erfüllen und sich nicht als subventionierter Kritiker versuchen. Alexander Horwath hat das als Festivaldirektor nie getan, und der ist in der Tat ein kompetenter Kritiker.

Standard: Im Interview hat Herr Hurch seine Einwände ästhetisch begründet. Warum soll es diese Debatte um den heimischen Film nicht geben? Haneke: Ich verweigere mich keiner Debatte. Aber ich finde es infam, dass er in diesem Interview die Andeutung äußert, dass von den österreichischen Kulturschaffenden ein Schulterschluss gefordert wird - und dass er diese Unterstellung mit dem von der Regierung geforderten Schulterschluss gegen die Sanktionen in Zusammenhang bringt.

Das ist eine infame Vermengung von zwei Dingen, die ganz typisch für Hurch ist. Darauf will ich mich überhaupt nicht einlassen. Ich diskutiere auf der ganzen Welt über meine Filme, aber ich diskutiere nicht mit Verleumdern und Unterstellern.

Standard: Aber wo hört denn eine ästhetische Kritik auf und wo beginnt eine "Verleumdung"? Haneke: Das kann man konkret an Beispielen zeigen. Aber Sie geben sich jetzt scheinnaiv: Sie wissen genau, wo das beginnt. Wo die Dinge persönlich werden, da kann man eigentlich nur so reagieren wie seinerzeit die Schauspielerin Käthe Dorsch auf Hans Weigel: Die hat ihm einfach ein paar Watschen gegeben, mit großem Applaus. Aber dazu sind wir alle wohl zu kultiviert.

Standard: Es gibt also keinerlei Taktik, Geschlossenheit gegenüber der Sparpolitik der Regierung zu fordern? Haneke: Die würde ich mir wünschen, aber mit wem geschlossen? Natürlich sind wir alle entsetzt über die Filmpolitik der neuen Regierung. Das ist ja kein Geheimnis -da braucht man keinen Schulterschluss erwägen -, man weiß, dass diese Regierung dem heimischen Filmschaffen den Hahn zudreht. Die Branche hat sich von Beginn dagegen verwehrt. Nur möchte ich das aus der Diskussion herauslassen: Das hat mit dem Herrn Hurch und der Viennale überhaupt nichts zu tun.

Standard: Aber die Viennale hat durch ihre Öffentlichkeit ja auch eine Bedeutung, die dem österreichischen Film zugute kommt, zumal wenn ein in Cannes prämierter österreichischer Film dort läuft? Haneke: Sie könnte das haben. Ich glaube aber, dass ein Festival, wenn es seinen Namen verdient, ein Begegnungsort zwischen den heimischen und internationalen Filmschaffenden sein soll, sonst ist es ja nur ein Bazar. Viele nonkompetitiven Festivals sind ja leider nichts anderes als Bazare der letztjährigen Filmproduktion. Die Viennale kann dank Herrn Hurch und seiner Haltung zum österreichischen Film kein Begegnungsort sein.

Standard: Ist das nicht das gute Recht jedes Festivaldirektors, eine Vorselektion vorzunehmen? Haneke: Niemand geht davon aus, dass die Viennale die Gesamtproduktion des österreichischen Films zeigen soll. Das ist albern, dafür gibt es ja in Graz jedes Jahr die Diagonale. Es sind die öffentlichen Äußerungen des Herrn Hurch, die die Branche verärgern. Natürlich kann er auswählen, was er will. Er schafft jedoch seit Jahren diese Atmosphäre der Feindseligkeit, und das ist nicht Aufgabe eines Festivaldirektors.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Schlechte Kritiken ärgern weder mich noch meine Kollegen, es geht um das Niveau, um die Absicht.

In der österreichischen Kritik wird häufig und gerne unter der Gürtellinie argumentiert. Das hat wohl mit dem typisch österreichischen Minderwertigkeitskomplex zu tun. Einem Land ohne Filmtradition traut man keine Qualität zu. Und da man als Kritiker selbst ja kein Hinterwäldler sein will, muss man alles, was aus diesem Land kommt, verächtlich machen.

Die fatale Situation ist aber die: Aufgrund dieser Haltung ist der Film in Österreich nicht sehr populär bei der Bevölkerung. Wenn nun die Regierung dem Film das Geld wegnimmt, kann sie sogar mit Applaus rechnen. In Frankreich würde bei ähnlichem Vorgehen Kritik und Filmbranche mit Unterstützung der Bevölkerung protestieren.

Standard: Wie beurteilen Sie die momentane Situation im Filmförderungsbereich? Haneke: Sie ist katastrophal. Ich selbst werde meinen nächsten Film wieder im Ausland machen. Andere können das aber nicht. Wir hatten immer schon zu wenig Geld. Von dem jetzt nochmals ein Drittel zu kürzen - das kann man nur als Vernichtungsabsicht werten.

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