"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Postmaterialisten" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 2.9.2001

Graz (OTS) - Wegen des Ausgangs der Urabstimmung braucht sich
Fritz Verzetnitsch keine schlaflosen Nächte zu machen. Mehrheiten von 80 und 90 Prozent sind bei allen sieben Fragen programmiert.
Nur Witzbolde werden ihr Kreuz nicht bei "Ja" machen.

Wer ist schon gegen eine Abfertigung vom ersten Arbeitstag an und wer wird Lohnerhöhungen durch Kollektivvertrag ablehnen? Selbst die Frage, ob der ÖGB "notfalls" auch zu Kampfmaßnahmen greifen soll, fällt unter die Kategorie "No na, net", weil sich eine Gewerkschaftsbewegung, die auf Streiks von vornherein verzichtet, selbst entmannt.

Die einzige Hürde, die Verzetnitsch überspringen muss, ist die Beteiligung. Der ÖGB-Präsident hat sich die Latte inzwischen auf mehr als die Hälfte gelegt - also über 700.000, doch ist im
Grunde eine Beteiligung von weniger als einer Million eine matte Sache. Warum?

Ganz einfach deshalb, weil der ÖGB eine wasserdichte Methode gewählt hat. Die Urabstimmung findet nicht an einem einzigen Tag statt, sondern dauert drei Wochen.

Zeit genug, um die 1,44 Millionen Mitglieder zu ermuntern, den Fragebogen auszufüllen und einzusenden. 600.000 davon hat der ÖGB vorweg fest im Griff, weil die Briefe von den Betriebsräten eingesammelt werden. Vom Rest braucht der ÖGB nur die Hälfte, um die Million zu erreichen, was angesichts der letzten Arbeiterkammerwahlen, die nach dem erprobten Modell eine Beteiligung von 50 Prozent aufwiesen, kein Kunststück sein sollte.

Eine Million - damit lässt sich leben. Und weiter die Lebenslüge pflegen, dass der Gewerkschaftsbund eine unschlagbare Kraft sei. Das ist er längst nicht mehr. Der ÖGB ist ein Riese auf tönernen Füßen. Wo sind die Jungen, wo die Frauen, wo die Beschäftigten in den Dienstleistungen? Wurden nicht die Arbeiter bereits von den Beamten überflügelt? Schrumpft der ÖGB zum Reservat der Old Economy?

Natürlich ist es ungerecht, nur auf die Gewerkschaft mit dem Finger zu zeigen. Alle Großorganisationen stecken in der Krise: die Parteien und Verbände, die Kammern und Kirchen. Traditionelle Organisationsmuster passen nicht mehr in eine Gesellschaft, die von Pluralismus und Individualismus atomisiert wird.

Die Schwäche wird umso deutlicher, wenn auch noch die Idee abhanden kommt. Der Postmaterialismus der Postgewerkschafter war deshalb so verheerend, weil die vermeintlichen Klassenfeinde gemeinsam abzockten: Auf der einen Seite die Personalvertreter, die glaubten, durch die Freistellung Anspruch auf die fiktive Bestkarriere zu haben, also auf Direktorengehälter samt allen Benefizien. Auf der anderen Seite ein Management, das die Begehrlichkeiten bereitwillig erfüllte, weil es die Supergagen als Superinvestition auffasste, wenn die Betriebsräte bei den Schließungen von Postämtern und dem Abbau von Bediensteten still halten.

Statt mit dem Schicksal zu hadern, dass man ihnen die Gehälter neidig sei, sollten die Gewerkschafter stolz darauf sein, dass sie mit anderen moralischen Maßstäben gemessen werden als raffgierige Manager. Noch ist dies der Fall. ****

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