"Die Presse" - Kommentar: "Pech für Flüchtlinge" von Anneliese Rohrer

Ausgabe vom 29.8.2001

WIEN (OTS). Wie der Zufall so spielt: Die (Sport-)Welt blickte am Dienstag auf Brisbane, Australien, und die Eröffnung der sogenannten Goodwill Games, die in Zeiten internationaler Spannungen als eine Art olympischer Spiele im Zeichen ungestörter Völkerverständigung erfunden wurden. Die übrige Welt aber blickte an diesem Tag auch auf Australien, das zum ersten Mal die Küsten dicht machte für Flüchtlinge.
Von Völkerverständigung war da plötzlich nicht mehr die Rede. Vor genau einem Jahr, Mitte September 2000, konnte Australien gar nicht genug Lob für die olympischen Spiele in Sydney erhalten: Es waren die besten Spiele im besten Land - die nationalen Gefühle kochten über. Die Spiele hätten das Land ein für alle Male auf der "internationalen Landkarte" fixiert, hieß es. Man war so stolz. Jetzt aber, da Flüchtlinge aus Afghanistan, Sri Lanka, Pakistan und dem Irak mit Hilfe internationaler Schlepper auf eben dieser Landkarte Australien aussuchten, ist plötzlich alles anders: Man läßt das Schiff auf dem offenen Meer treiben und begründet dies mit dem Argument, die Flüchtlinge würden die australische Bevölkerung zu sehr belasten. Das aber müssen Regierung und Opposition der Welt einmal erklären: Ein Kontinent so groß wie Europa bis zum Ural mit kaum mehr als 18 Millionen Einwohnern hat keinen Platz für 400 Flüchtlinge - auch, wenn diese alle aus Ländern stammen, wo Verfolgung wahrscheinlich schlüssig nachzuweisen ist.
Man sollte ehrlich sein: Auch ein so großer, so reicher Kontinent, der jahrzehntelang als das klassische Zuwanderungsland galt und von den verschiedenen Flüchtlingswellen wirtschaftlich und kulturell enorm profitiert hat, ist nicht frei von Xenophobie. Schon in letzter Zeit hat Australien Flüchtlinge schlecht behandelt, allerdings im Schatten der internationalen Aufmerksamkeit.
Jetzt aber schaut die Welt hin - von Brisbane bis nach Darwin - und sieht die Diskrepanz zwischen Selbstdarstellung und Realität. Pech für Australien. Wahlen stehen vor der Tür, da müssen irrationale Ängste eben eher bedient werden als humanitäre Hilfe - auch im "besten" Land der Welt. Pech für die Flüchtlinge.

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