"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Gier der Mitläufer" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 26. August 2001

Graz (OTS) - Wenn ein Blitz in einen Baum einschlägt, vernichtet
er meist den Wipfel, während die Äste darunter das Unwetter überstehen. Auch in der Politik trifft es die Leute an der Spitze, selbst wenn sie nicht unmittelbar verantwortlich sind. Weitaus angenehmer haben es hingegen jene, die in der zweiten Reihe sitzen und sich ducken, wenn der Sturm aufzieht.

Das Trara um die Post ist ein Lehrstück. Wer hat bis vor einer Woche Hans-Georg Dörfler gekannt? Außer den Postbeamten wohl kaum wer. Als Dörfler im Fernsehen auftauchte, wirkte er wie eine Karikatur eines Gewerkschafters: Hellgraues Designer-Jackett, seidenes Polo-Hemd, gebräuntes Gesicht mit getrimmtem Bart. Bloß die Zigarre fehlte, weil im TV-Studio Rauchverbot herrscht.

Dafür drückte er kräftig auf die Tränendrüsen. Er habe sich, eröffnete der Boss der Postler, zum Rücktritt entschlossen, weil seine Familie am Telefon beschimpft und bedroht worden sei.

Dass er Anlass für eine berechtigte Empörung gewesen sein könnte, kam Dörfler nicht in den Sinn. Er hat alles, was mit seiner Karriere und Funktion verbunden war, offenbar als wohlerworbene Selbstverständlichkeit betrachtet: Dienstwagen mit Chauffeur, Aufsichtsrat da und dort, Kontrollor in der Beamtenversicherung, Anschaffer bei den Postkantinen.

Alles und noch mehr wäre so weiter gelaufen, hätte Dörfler in seiner selbstmörderischen Gier nicht noch kräftiger zugelangt. Der Generaldirektor der Post, der aus seiner Zeit im Vorzimmer eines gewerkschaftsnahen Ministers wusste, wie die Maschine geschmiert gehört, damit sie läuft, schuf für die Betriebsräte eine eigene Kaste samt fetter Gehaltserhöhung. Ein Personalvertreter könne doch nicht weniger verdienen als ein Abteilungsleiter, "sonst lacht ihn das Gegenüber aus".

Schon diese Begründung enthüllte, wie sehr sich die Gewerkschafter vom Bazillus des Kapitalismus anstecken ließen. Entlarvend war dann der Zeitpunkt. Die Gehaltserhöhung wurde ausgehandelt, als der Plan zur Schließung hunderter Postämter und der Abbau tausender Bediensteter geschmiedet wurde. Das war keine Dummheit, wie ein Politologe entschuldigend meinte, sondern eine Gemeinheit.

Die Wut kochte über. Wie in Österreich oft üblich, begnügt man sich mit einem Menschenopfer. Das Problem sind nicht die Spitzenfunktionäre. Deren Bezüge sind in der Regel durch das Gesetz festgelegt. Undurchschaubar ist hingegen das Dickicht, in dem sich Dörfler & Co. verstecken. Nach welchem Schema werden die freigestellen Personalvertreter bezahlt? Als Abteilungsleiter, Schuldirektoren, Inspektoren? Stimmt es, dass die freigestellten Betriebsräte in der Industrie die höchsten Löhne erhalten, die jeweils in ihren Unternehmen bezahlt werden? Wie viele sind außerdem noch Abgeordnete, Bürgermeister, Kassenobmänner?

Darüber möchten wir Auskunft, nicht nur über das Einkommen von Fritz Verzetnitsch. Bleibt die Antwort wieder aus, könne aus der geplanten Befragung der ÖGB-Mitglieder eine peinliche Befragung der ÖGB-Funktionäre werden. ****

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