DER STANDARD-Kommentar: "Kassieren und Verdienen" (von Conrad Seidl)

Erscheinungstag 25.8.2001

Wien (OTS) - Wer wissen will, was man so als Bundespräsident verdient, der kann das jederzeit nachlesen: 285.831 Schilling pro Monat bekommt man als Staatsoberhaupt - da bleibt auch nach Steuern noch ein bisschen etwas über, falls man als Amtsinhaber überhaupt dazu kommen sollte, das viele Geld auch auszugeben. Auch was der Präsident der Bundesarbeitskammer bekommt, ist kein Geheimnis mehr, es sind 135.494 Schilling brutto - viel mehr kann es von Gesetzes wegen gar nicht werden.

Anders ist das beim Präsidenten des ÖGB, dessen reale Macht irgendwo zwischen der des Bundespräsidenten und der des AK- Chefs liegen dürfte. Vom Chef des größten Vereines Österreichs ist zurzeit nur das Abgeordnetengehalt bekannt, über allem anderen liegt der Mantel von Datenschutz und Privatsphäre. Natürlich weiß man, dass der Amerika-Urlauber auch einen Dienstwagen, eine hübsche und preiswerte Penthouse-Wohnung und ein Zusatzeinkommen aus den Mitgliedsbeiträgen der Gewerkschafter zur Verfügung hat.

3z, Das alles sei ihm ebenso gegönnt wie anderen Präsidenten ihre Villen, wie anderen Funktionären ihre Karossen, wie anderen Spitzenmanagern ihre Spitzengehälter. Als Beitragszahler wüsste man natürlich gerne ein bisschen genauer, was man da so alles finanziert - aber so weit ist es mit der Demokratie im ÖGB noch nicht her, dass die Einkommen der höchsten Vertreter öffentlich diskutiert würden.

Es bedarf offenbar immer eines größeren medialen Wirbels, um einen Zipfel mehr von dem zu erfahren, was politische Funktionäre an Geld und Sachbezügen kassieren. Und weil im Umfeld eines echten oder vermuteten Skandals nicht ruhig diskutiert werden kann, verfestigt sich das Bild von "denen da oben", die vor allem abkassieren.

3z, Solange die politischen Akteure einfach als mehr oder weniger gute Treuhänder der ihnen verliehenen Macht gesehen werden, ist das anders. Im politischen Alltag gibt es kaum die Frage, ob die Damen und Herren ihr Geld wirklich verdienen - es reicht das demokratische Bewusstsein, dass man sie ja abwählen kann, wenn sie ihr Geld nicht wert sind. Im Normalfall gibt es daher auch keinen Neid auf die - bei jedem Volksfest wohlgelittenen - Politfunktionäre; schon gar nicht, wenn sie Pokale spenden und Freibier ausgeben.

Was spricht also dagegen, das gesamte versteuerte Einkommen offen zu legen? Im Wesentlichen ist es die neiderfüllte Stimmung, in der die jeweilige Einkommensdebatte geführt wird. Je öfter es zu solchen Debatten kommt, desto weiter dreht sich die Spirale der Missgunst nach unten - und mit ihr das Image der betroffenen Funktionäre. Es hilft also wenig, jetzt darauf zu hoffen, dass die Diskussion wieder einschlafen wird. Denn beim nächsten Mal wird sie mit noch mehr Neid und noch mehr Verdächtigungen gegen "die da oben" geführt werden.

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