DER STANDARD-Kommentar: "Solidarität als Verhöhnung" (von Katharina Krawagna-Pfeifer)

Erscheinungstag 22.8.2001

Wien (OTS) - Stimme für soziale Gerechtigkeit. Mit dieser Schlagzeile wirbt der Gewerkschaftsbund für die Teilnahme an der Urabstimmung zur sozialen Entwicklung, die im Herbst durchgeführt wird. Die Abstimmung wurde noch vor der politischen Sommerpause wegen der Vorgänge rund um die Ablöse des Präsidenten des Hauptverbandes, Hans Sallmutter, und der Änderung der Mehrheitsverhältnisse in den maßgeblichen Gremien des Selbstverwaltungskörpers beschlossen.

Eben diese Urabstimmung ist es nun, die Hans-Georg Dörfler als Begründung ins Spiel gebracht hat, um zu erklären, warum er als Vorsitzender der Postgewerkschaft zurückgetreten ist. Er wolle sie nicht in Misskredit bringen. Was seine großzügige Gehaltserhöhung anlangt, zeigte sich der langjährige hochrangige Gewerkschaftsfunktionär "keiner Schuld bewusst".

Wie schön für Hans-Georg Dörfler und auch die anderen Spitzenpersonalvertreter der Post, die offenbar diese Haltung teilen. Denn auch sie haben dem neuen Gehalts- und Strukturschema der Post zugestimmt, das ihnen Vorteile bringt. Die weniger gut gestellten Arbeitnehmer hingegen zittern um ihre Jobs.

Der ÖGB versuchte getreu dem von Dörfler & Co. ausgegebenen Motto, die Sache von sich fern zu halten. Vizechefin Renate Csörgits sah in Dörflers Rücktritt - wohlgemerkt als Gewerkschafter und nicht als Personalvertreter - "menschliche Größe" und bedauerte im Übrigen nur die "schiefe Optik". Gewerkschaftschef Fritz Verzetnitsch weilt im Ausland. Beredtes Schweigen auch bei den übrigen Gewerkschaftsgrößen. Kein Wunder, denn die Fragen, die zu stellen sind, berühren weit mehr als jene nach dem Lohnzettel. Es geht darum, welches Bewusstsein Gewerkschaftsfunktionäre haben und ob Solidarität nur eine Vokabel ist, um andere tatkräftig zu verhöhnen.

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