"Die Presse" Kommentar:"Der Stoff aus dem die Kriege sind" (von Burkhard Bischof)

Ausgabe vom 22.8.2001

Wien (OTS) Die Ingredienzen für den großen Konflikt, für einen richtigen
Schießkrieg, sind alle da: Riesige Erdölfelder, die unter dem Meeresgrund darauf warten, ausgebeutet zu werden; fünf Anrainerstaaten und hinter einigen von ihnen Ölmultis, die mit dem Schwarzen Gold das große Geld machen wollen; eine nicht geklärte Grenzziehung; große Mächte von außen, die beim erbitterten Ringen um politischen Einfluß und Profite nicht abseits stehen wollen: Die erdölreiche Region Kaspisches Meer droht, zu einem neuen internationalen Konfliktfeld allerersten Ranges zu werden.
Schon dampfen iranische Kanonenboote über das Meer, schickt Teheran Marineflugzeuge los, um aserbaidschanische Bohrschiffe aus vermeintlich "iranischen Gewässern" vertreiben. Baku liegt sich auch mit Turkmenien wegen zweier Ölfelder in den Haaren, scharfe diplomatische Noten schwirren über dem Binnenmeer zwischen den Hauptstädten der fünf Anrainerstaaten hin und her.
Auch die USA melden sich zu Wort, beziehen Stellung gegen ihren Erzfeind Iran, ebenso die Türkei, die im Raum vom Kaukasus bis nach Zentralasien schon immer gern das große Wort geführt hätte. Genau die versuchte amerikanische und türkische Einflußnahme aber ist Rußland zuwider, das sich selbst als wichtigsten Akteur in der Region sieht.
Inzwischen hat Aserbaidschan bereits mit dem üblen Spiel der Verhaftung verdächtiger "iranischer Spione" begonnen. Teherans Retourkutsche kommt bestimmt. Gleichzeitig rüsten die Konfliktparteien auf, verstärken ihre See- und Luftstreitkräfte. In dieser sich gefährlich zuspitzenden Lage wäre Vernunft, Zurückhaltung und ein mäßigender Einfluß der äußeren Akteure wie USA, Türkei und Multis auf ihre Partner das Gebot der Stunde. Letztlich wird man bei einer Lösung des Konfliktes auch nicht darum herumkommen, Iran und Turkmenien, die sich im Moment beim Ringen um das Schwarze Gold von Aserbaidschan, Rußland und Kasachstan ausgebootet fühlen, Kompensationsgeschäfte anzubieten. Niemandem nützt, wenn am Kaspischen Meer ein offener Krieg ausbricht, der auf den gesamten, ohnedies instabilen Mittleren Osten übergreifen könnte.

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