Kommentar - WirtschaftsBlatt: "Kein gewerkschaftlicher Frühling im Herbst " von Gerhard Marschall

Ausgabe vom 22.8.2001

Wien (OTS) - "Für soziale Gerechtigkeit" - treffender könnte das Motto der geplanten ÖGB-Urabstimmung nicht sein. Da sollen hunderte Postämter geschlossen werden, müssen tausende Menschen um ihre Arbeitsplätze zittern, doch die Personalvertreter lassen sich die eigenen Gehälter kräftig auffetten. Das hat schon etwas Frivoles. Dass die Freiheitlichen diesen Skandal pünktlich zum Start jener Urabstimmung hochgehen lassen haben, ist delikat, aber so funktioniert Politik nun einmal. Und bevor sie sich als Opfer bejammern: Es sind schon die nimmersatten Post-Funktionäre, die dem Gewerkschaftsbund diese grosse Mobilmachung gründlich versaut haben. In Wahrheit steht die komplette ÖGB-Spitze ziemlich begossen da. "Für soziale Gerechtigkeit" aufzutreten, während Nehmer aus den eigenen Reihen - wieder einmal - nicht genug kriegen können, ist höchst peinlich. Im Grunde kann der ÖGB seine gesamte Kampagne einpacken, ehe er sie überhaupt richtig ausgepackt hat. Nicht, dass Kritik an der Regierungspolitik unberechtigt wäre. Ganz im Gegenteil, so manches, was Schwarz-Blau in den vergangenen Monaten in die Tat umgesetzt hat, darf, ja muss eine Gewerkschaft auf die Barrikaden steigen lassen. Doch mit einem Mal ist sie nicht mehr Angreifer, sondern findet sich, schwer bedrängt, in der Verteidigungs- und Rechtfertigungsrolle wieder. Das ist ungefähr die ungeeignetste Position, um eine politischen Attacke zu starten. Die Lähmung trifft den ÖGB aber gleich doppelt. Der Herbst sollte nämlich einen neuen gewerkschaftlichen Frühling einläuten. Zweiter, nicht minder wichtiger Aspekt an der Befragung der Mitglieder ist die Mobilisierung. Auf diese Weise versucht der ÖGB seine anhaltende Krise abzustreifen. In dieser steckt er nicht erst seit gestern, sondern schon seit längerem. Nicht nur, dass er an stetem Mitgliederschwund leidet und dadurch beständig an Schlagkraft verliert, hat er schlicht ein Identitätsproblem. In all den Jahren und Jahrzehnten, in denen die SPÖ die alleinige oder jedenfalls die führende Regierungsmacht war, ist der überwiegend rot eingefärbte Apparat träge und schwerfällig geworden. Und es ging der Bezug zur vielzitierten Basis verloren. Nun, nach der politischen Wende, möchte sich die Gewerkschaft - ganz behutsam - wieder ans Kämpfen gewöhnen. Doch die lieben Kollegen von der Post hatten Wichtigeres im Sinne. (schluss)

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