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Klagenfurt (OTS) - Neue "KÄRNTNER TAGESZEITUNG" Kommentar: Stumpfsinn statt Orchideenpracht

Utl.: Ausgabe vom 19. Aug. 2001=

Wer über Leben und Tod entscheidet, sollte der
nicht auch über ein Gedichtchen entscheiden können?", legte Theodor Fontane seiner Romanfigur Bülow Ende des 19. Jahrhunderts in den Mund. Der implizierte Vorwurf an die Engstirnigkeit der Politik kommt einem so unheimlich bekannt vor. Geht es auch nicht um Leben und Tod, so doch um Lebens-Entscheidungen. An der Schwelle zum 3. Jahrtausend ist es wieder einmal schick geworden, Bildung zu denunzieren. Sie verkommt zum reinen Nutzenfaktor. Das neue Dienstrecht für Unis bedeutet einen Schritt weg von der Freiheit der Wissenschaft. Die Studiengebühren beschränken den Zugang zu Hochschulen und verengen das prächtige Farbenspektrum des Wissens.
Die Regierung holt sich Geld von Tausenden, die sich gar nicht erst trauen, ein Studium zu beginnen. Wer als Kind weniger begüterter Eltern Anspruch auf Bildung erhebt, studiert nicht etwa ein Fach, das ihn begeistert, sondern ihn zum funktionierenden Spielball einer sich mit brutaler Geschwindigkeit bewegenden Wirtschaft macht. "Orchideen-Studien", so meint Finanzminister Grasser, haben keinen Wert.
Für den Kärntner Bildungstempel heißt es, um geisteswissenschaftliche Studien bangen, um deren Erhalt die Hochschule vor einigen Jahren erfolgreich kämpfte, und ohne die eine Universität keine ist. Jedes Unternehmen braucht Mitarbeiter, deren Horizont nicht bei einer Kosten-Nutzen-Rechnung aufhört. Ohne "Orchideen" und Entscheidungsträger, die über ein Gedichtchen urteilen können, wird Österreich mit Europa nicht mitwachsen.

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