"Die Presse"-Kommentar: "Berliner Treppenwitz" (von Hans Werner Scheidl)

Ausgabe vom 13. August 2001

WIEN (OTS). Vierzig Jahre nach ihrer Errichtung, zwölf Jahre nach der Schleifung wird der Berliner Senat nun die Reste der Berliner Mauer unter Denkmalschutz stellen. Diese Relikte des "Eisernen Vorhangs", der sich zwischen 1945 und 1989 durch Europa zog und den Kontinent in zwei feindliche Machtsphären teilte, sollen als wichtiges Zeugnis der jüngeren deutschen Geschichte den nachfolgenden Generationen als Mahnung erhalten bleiben.
Nicht einmal zwei Kilometer stehen noch von dieser Betonsperre, die einst 106 Kilometer lang war und die Stadt Berlin hermetisch abteilte. Der 13. August 1961 steht im Geschichtsverständnis der Menschen als Datum weltpolitischen Irrsinns: Mit Beton und Stacheldraht die eigene Bevölkerung einzumauern, das war vor den kommunistischen DDR-Diktatoren noch niemandem eingefallen. Die eigenen Bürger an der Flucht in den Westen zu hindern, und all jene, die dies dennoch versuchten, mit der Schußwaffe zu töten _ das muß man erst einmal nachfolgenden Generationen begreiflich machen. Und trotzdem: So war es. Es ist ein Teil unserer Biographie.
Umso absurder muß daher erscheinen, was ausgerechnet jetzt, vierzig Jahre nach dem Mauerbau, in Berlin erwogen wird. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit von der SPD ist nicht abgeneigt, nach den Wahlen im Herbst eine Koalition mit der PDS einzugehen, ideologisch und rechtlich Nachfolgerin der früheren kommunistischen Einheitspartei der DDR.
Und weil die Macht so süß schmeckt, sind auch die Grünen an ihrer Teilhabe durchaus interessiert. In so manchem Kopf geistert bereits eine rot-grün-rote Stadtregierung umher, sollte es sich "ausgehen". Daß sich die Partner der Grünen aus dem "Bündnis '90", also die einst vom DDR-Regime Verfolgten, mit ihren Unterdrückern gemein machen könnten - das wäre fürwahr ein Treppenwitz der Geschichte. Ein äußerst bitterer.
Daß es ein Chamäleon wie Gregor Gysi überhaupt wagt, für die PDS als Oberbürgermeister zu kandidieren, sollte für einen Aufschrei der Sozialdemokraten sorgen. Aber nichts geschieht. Dafür wird Herr Schröder heute in Berlin eine Gedenkrede zum 13. August 1961 halten. Er sollte sich genieren.

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