"profil": Mortier: Österreich war "kein wirklich demokratisches Land"

Der scheidende Intendant der Salzburger festspiele kritisert scharf die österreichische Politik - ÖVP-Politikern "nicht verzeihen, dass sie FPÖ an die Macht gebracht hat" - Morak ist "Niveauverlust" und "fehl am Platz" - Festspiele künftig "zivilisierter"

Wien (OTS) - In einem großen Essay zieht Gérard Mortier in der Montag erscheinenden Ausgabe des Nachrichtenmagazins "profil" Bilanz über seine zehnjährige Ära bei den Salzburger Festspielen. Der scheidende Intendant kritisiert die österreichische Politik und die hiesigen Politiker scharf. "Eine extrem rechte Partei wie die FPÖ" könne man zwar nicht verbieten, solange sie die demokratischen Prinzipien einhalte. Wenn man sie solcherart existieren lasse, müsse sie seiner Ansicht nach jedoch noch lange nicht regieren. Mortier: "Das sollte sie nur, wenn sie die Mehrheit der Stimmen erhält." Daher dürfe man bestimmten Politikern der ÖVP "nicht verzeihen, dass sie die FPÖ an die Macht gebracht haben".

Der Festspiel-Intendant konstatiert einen "Rechtsruck", der für ihn "auch in der Salzburger Landesregierung" zu spüren gewesen sei. Mortier in seinem "profil"-Essay: "Das macht sich bemerkbar in der Ernennung der Leiterin des Rupertinums, in der Ablehnung des Hollein-Baus und der an seiner Stelle entwickelten, absolut unbedeutenden Architektur für ein Museum auf dem Mönchsberg."

Die Entscheidung von Bundeskanzler Viktor Klima, "das Kultur-Portefeuille in die eigene Westentasche zu stecken", habe, so Mortier, die Kulturpolitik geschwächt und "zur schwarz-blauen Koalition beigetragen". Umso wichtiger erscheine es ihm daher, dass "die Sozialdemokraten ihre kulturpolitischen Prinzipien neu denken".

Scharfe Kritik übt der scheidende Intendant der Salzburger Festspiele in seinem "profil"-Essay auch an Kultur-Staatssekretär Franz Morak. Dieser sei, "fehl am Platz", was sich unter anderem durch Moraks Haltung gegenüber Claus Peymann gezeigt hätte. Mortier: "Welch ein Niveauverlust gegenüber dem ehemaligen Kulturminister Rudolf Scholten."

Ungeachtet dieser Kritik an den politischen Verhältnissen, glaube er dennoch, dass "Österreich auf dem Weg ist, eine echte Demokratie zu werden". Denn zuvor sei Österreich, bedingt durch die langen Jahre der großen Koalition, "kein wirklich demokratisches Land" gewesen.

Zwar verdränge hierzulande "eine starke bürgerliche Schicht" die Kreativität, doch dies habe aber auch positive Effekte. Österreichs Künstler seien, so der Festspiel-Intendant, "so wie früher ihre Kollegen in der DDR" möglicherweise aus einem solcherart hervorgerufenen "Oppositionsgeist heraus so kreativ".

Der Handlungsspielraum eines Intendanten in Salburg sei jedenfalls limitiert. Mortier in seinem "profil"-Essay: "Echte Avantgarde ist bei den Salzburger Festspielen nicht möglich und auch nicht nötig." Die Ernsthaftigkeit der Bekenntnisse von offizieller Seite zu einer Fortführung der von ihm initiierten Erneuerung der Festspiele zweifelt der scheidende Intendant an. Die Reduzierung des Budgets widerspreche diesen Äußerungen, "weil die Erneuerung Subventionen braucht". Mortiers Prognose für die Zukunft der Salzburger Festspiele: "Sicherlich wird es ein wenig zivilisierter und auf alle Fälle political correct".

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