"Kleine Zeitung" Kommentar: "Gefühle und Gewalt" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 12.8.2001

Graz (OTS) - Morgen findet in Genua das Haftprüfungsverfahren statt, ob die seit drei Wochen festgehaltenen Mitglieder der "VolxTheaterKarawane" freigelassen werden oder weiter im Gefängnis bleiben müssen. An ihrem Schicksal scheiden sich die Geister:
Handelt es sich um harmlose Gaukler, die von einer brutalen Polizei misshandelt wurden, oder diente das Straßentheater als Tarnkappe, um in den Straßenschlachten mitzumischen?

Genua hat nicht nur in Österreich zu einer Polarisierung geführt. Erlauchte Geistesgrößen sehen bereits die Vorzeichen einer neuen Revolte, die diesmal den ganzen Globus erfassen und alle Generationen mitreißen wird. Carlo Giuliani, der in Genua von einem Carabiniere erschossen wurde, ist als erster Gefallener der Globalisierung für viele ein Märtyrer.

Geradezu hymnisch beschreibt "Die Zeit", das Wochenblatt der deutschen Intellektuellen, das Entstehen einer global vernetzten Jugendkultur, die alle Vorurteile Lügen straft, wonach die Erlebnis-und Spaßgesellschaft nur an Genuss und Geld interessiert sei. Im Gegenteil: "Die Jüngeren haben hingesehen, sich informiert und ihren moralischen Sinn geschärft. Sie leiden mit Menschen, die in Chiapas oder im Sudan elend vegetieren und sie probieren eine Tugend aus, die bei ihren Eltern nur noch als Floskel vorkommt: Solidarität. Es ist ihnen nicht gleichgültig, dass durch weltweite Firmenfusionen neue Arbeitslosigkeit entsteht, während die Mehrheit im Wohlstand lebt. Es ist ihnen auch nicht gleichgültig, dass Afrika mit Aids, Hunger und Flüchtlingselend allein bleibt. Sie verzweifeln am Irrsinn, den Regenwald abzuholzen, und erlauben sich eine gewisse Sentimentalität für Wale. Die ,Generation Widerstand" lässt sich von ihren Gefühlen bewegen."

Reicht es, sich den Gefühlen hinzugeben? Genügt das Gefühl, im Internet weltweit auf Gleichgesinnte zu treffen? Wo bleibt die Generation, die es ihren Eltern nachmacht und als Entwicklungshelfer in die Welt hinaus geht? Wie zeigt sich konkret die Solidarität etwa bei den Firmenfusionen? Warum fordert man eine globale Devisentransaktionssteuer und lässt die Steueroasen vor der eigenen Haustür unbehelligt?

Mag sein, dass diese Fragen kleinlich erscheinen angesichts der Ungerechtigkeit der Welt. Aber: Ist es nicht zu einfach, für die Ungerechtigkeit nur das System und die Mächtigen verantwortlich zu machen?

Das Streitgespräch zweier älterer Herren über die Jugend von heute war aufschlussreich: Joschka Fischer, Außenminister Deutschlands, einst Straßenkämpfer in Frankfurt, meinte, der Protest der Globalisierungsgegner verirre sich, wenn er im Gewand eines "abgestandenen linksradikalen Antikapitalismus" daher komme. Daniel Cohn-Bendit, Europaabgeordneter, einst Barrikadenkämpfer in Paris, entgegnete, Joschka sollte sich erinnern, dass junge Männer 'ein Bedürfnis nach physischer Auseinandersetzung" hätten.

Darum geht es: Gefühle und Gewalt. Es ist unzulässig, die Machtfrage zu stellen, indem man die Gewalt enttabuisiert. Die Globalisierungsgegner verdrehen die Tatsachen, wenn sie behaupten, in Genua habe es nur Gegengewalt gegeben. ****

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