"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Im Windwechsel" (Von Peter Plaikner)

Ausgabe vom 11. 8. 2001

Innsbruck (OTS) - Die Verbindung von Nord- und Südtirol wird
durch ein missglücktes Bankgeschäft nicht schlechter. Der vorerst gescheiterte Wirtschaftscoup erhellt bloß ein Verhältnis, das sich schon lange anders entwickelt, als uns die Politik vermittelt.

Hinter der Fassade geistiger Landeseinheit haben sich die Gewichte verschoben. Es gibt zwar weiterhin mehr österreichische als italienische Tiroler (675.000 gegenüber 465.000), doch deren Haushalt führt mit 44 zu 26 Milliarden Schilling. Das Bozner Landesbudget verteilt pro Einwohner zweieinhalbmal soviel Geld wie sein Innsbrucker Pendant.

Der wirtschaftliche Aufschwung begleitet die politische Normalisierung. Nordtirol wird immer weniger gebraucht. Realität ist die Doppelautonomie in der Staatsgewalt Italiens und von der Schutzmacht Österreich. Die gesellschaftliche Entwicklung wirkt daneben gleichermaßen nachhinkend wie vorpreschend. Das Miteinander der Schutz- und Trutzgemeinschaft erscheint oft nicht wie eine moderne Demokratie. Doch die Jungen üben sich selbstbewußt als Grenzgänger zwischen den Kulturen.

Südtirol nutzt seit 30 Jahren perfekt seine einzigartigen Möglichkeiten. Erst als von Österreich zu fördernde und in Italien zu schützende Minderheit, nun mit der Chance EU. Als Schnittpunkt teutonischer Sehnsüchte nach mediterranem Lebensstil wird es schneller eine europäisierte Region als seine monokulturellen Nachbarn.

Nordtirol will nicht wahr haben, dass es gegenüber diesem erstarkten Partner keinen Führungsanspruch mehr hat. Das gilt auf offizieller Ebene ebenso wie für die Gefühle der Bevölkerung. Auch Luis Durnwalders pragmatisches Erfolgsprinzip Wenn's uns was bringt verliert hierzulande allzu oft gegen überkommene Ideologie.

Der grundsätzliche Denkansatz für eine Europaregion Tirol muss heute im wirtschaftlichen Vorteil von Gemeinsamkeit liegen. Geschichtsromantik ist hinderlich. Das Vorbild in einer EU kann nicht mehr der politische Erfolg der deutschen Wiedervereinigung sein, sondern - vielleicht Luxemburg? Wenn's uns was bringt.

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