WirtschaftsBlatt-Kommentar über IT-Fachkräfte-Mangel IT-Fachleute: Mangel oder nicht - das ist die Frage von Arno Maierbrugger

Wien (OTS) - Ein grösseres Geschrei als über den Mangel an IT-Fachkräften hat man auf der österreichischen politischen Bühne in den letzten Monaten selten gehört. Egal, wie viele tausend oder abertausend Spezialisten nun wirklich fehlen, querbeet durch alle Parteien und Institutionen regiert die Panik: Sei es vor dem horror vacui am Arbeitsmarkt oder dem horror immigrantis der Billiglöhner. Leider haben sich die Debatten längst vom Boden der Realität entfernt. Die zugrunde liegenden Berechnungen über den Arbeitskräftemangel in der IT-Branche machen bei näherem Hinsehen einen schlampigen und unscharfen Eindruck. Einer aktuellen IDC-Studie entnimmt man zum Beispiel die Zahl von mindestens 60.000 fehlenden Spezialisten, während die Wirtschaftskammer nur auf rund 7000 kommt. Beide geben als Quelle Befragungen österreichischer Unternehmen an. Derartig divergierende Zahlen sind für eine zielführende Debatte wertlos. Nimmt man die Untergrenze der Wirtschaftskammer her, so liesse sich der befürchtete Mangel an Spezialisten durchaus von selbst ausgleichen. Unternehmen wie tele.ring, Infineon, lion.cc und eine Reihe von kleinen und mittleren Telekom- und Internetfirmen spülen durch die Branchenkrise heuer mehrere tausend Mitarbeiter auf den Arbeitsmarkt zurück. Allein bei der Telekom Austria, wo sich doch der eine oder andere Spezialist finden sollte, werden heuer mehr als 3000 Kündigungen ausgesprochen. Und wer weiss, was sich demnächst noch bei Unternehmen wie Philips, Grundig, Siemens, Alcatel, Kapsch usw. abspielt. So prekär ist die Lage also längst nicht, auch wenn es doch ein paar Fachleute mehr sein sollten, die gebraucht werden. Schliesslich entlässt auch das Bildungssystem weiter IT-Spezialisten in eine hoffentlich gesicherte Zukunft - und der Rest muss durch Zuwanderung gedeckt werden. Da heisst es aber aufpassen: Alle, die heute eine Zuwanderungsdebatte über IT-Fachkräfte führen, sollten sich das Beispiel der deutschen "Green Card" vor Augen halten. Die offene Tür nach Deutschland nützten nur 8.000 von 40.000 erwünschten "IT-Zuwanderern". Der Rest verdient sich weiter zu Hause sein Geld oder ging gleich in die USA. Es ist also nicht so, dass die "IT-Inder" in Scharen vor unseren Grenzen warten würden. Möglicherweise wird Österreich dieses Problem bald anders diskutieren müssen. (Schluss) amb

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