"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Die Diskriminierten" (Von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 5. 8. 2001

Graz (OTS) - Nichts fehlte, alles entsprach dem traditionellen Zeremoniell. Am Parkplatz vor dem Rathaus stauten sich die mit Blumen und Herzchen geschmückten Limousinen, zum Hochzeitsmarsch schritt das Paar vor den Standesbeamten, tauschte Ringe und Küsse. Ungewöhnlich war nur der Pulk der Journalisten und Kameraleute, weil kein Filmstar und auch kein Fußballgott das Ja-Wort gab. Im Mittelpunkt des Medienspektakels standen völlig unbekannte Menschen. Bloß der Anlass war außergewöhnlich: Erstmals wurden in Berlin, Hamburg und anderen deutschen Städten gleichgeschlechtliche Lebenspartner getraut.

Die Neugierde wird bald abflauen und dem Alltag Platz machen, obwohl die "Homo-Ehe", wie die eingetragene Lebenspartnerschaft genannt wird, bei unseren Nachbarn weiterhin politisch und juristisch umstritten bleibt. Der Schock, dass mit Wertvorstellungen und Rollenbildern gebrochen wurde, die über Generationen hindurch gültig waren, sitzt tief. Was soll, was darf der Staat noch regeln und schützen?

Betrachtet man die Landkarte Europas, wird klar, dass diese Diskussion auch auf Österreich zukommt und zwar nicht nur zu Sommerbeginn, wenn die Regenbogen- und Love-Parade die Ringstraße vor dem Parlament beherrscht. Den Anfang machten wie schon bei anderen gesellschaftlichen Veränderungen die skandinavischen Länder. In ihrem Schlepptau folgten die Niederlande, dann Frankreich und nun Deutschland, wo der rote Bundeskanzler dem grünen Drängen nachgab, die gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften staatlich anzuerkennen und mit Rechtsfolgen auszustatten, die sich in vielen Fällen nach denen der Ehe richten.

Es ist unmöglich, das Thema ohne Emotionen zu erörtern, weil eine groteske Verdrehung der Werte stattfindet. Jene, die bisher darüber klagten, dass sie durch die Gesellschaft geächtet und zu Außenseitern gestempelt wurden, tun nun so, als würde durch den standesamtlichen Akt die gleichgeschlechtliche Liebe moralisch geadelt. Eine anachronistische Diskussion mit umgekehrten Vorzeichen.

Sieht man über die provokanten und oft ordinären Begleitumstände hinweg, zeigt sich, dass es nicht die Aufgabe eines säkularisierten Staates ist, bestimmte Lebensformen moralisch auf- oder abzuwerten, sondern für gesetzliche Bedingungen zu sorgen, die auch den Bedürfnissen einer Minderheit entsprechen. Davon unabhängig stellt sich allerdings die Frage, was der Staat besonders schützen und fördern soll.

Konkret: Nicht die Ehe, sondern die Familie ist zu schützen und zu fördern. Die Zeiten, in denen Ehe und Familie als ein einheitlicher Begriff empfunden und auch gelebt wurden, sind vorbei. Alle steuerlichen Begünstigungen und sonstigen Unterstützungen müssen sich deshalb an den Kindern orientieren. Hier besteht noch immer ein Nachholbedarf, vor allem in einer Wirtschaft und Gesellschaft, die Mobilität und Flexibilität verlangt und belohnt. Eltern mit Kindern sind diesen Anforderungen am wenigsten gewachsen. Die oft mitleidig belächelten Familien sind die wirklich Diskriminierten. ****

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