"Die Presse"-Kommentar: "Nichts gelernt" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 25.7.2001

Wien (OTS)

Nichts gelernt
VON ERNST SITTINGER

Das mußte ja so kommen: Kaum denkt jemand über Qualitätsverbesserungen im Schulwesen nach, wird er reflexartig mit den linken Totschlag-Argumenten "Aussiebung", "Bildungsentzug" und "soziale Selektion" niedergemetzelt. Alte Hüte, die schon vor dreißig Jahren die unselige Gesamtschuldiskussion beherrschten, werden ausgepackt _ und zwar auch von jenen, die sonst immer mit staatstragender Miene die Wichtigkeit einer qualitätvollen (Aus-)Bildung betonen.
In Wahrheit müßten alle an Schulreformen interessiert sein, denn die Probleme liegen klar auf dem Tisch: Milliarden werden alljährlich für Nachhilfestunden ausgegeben, der Lernstreß der Schüler nimmt zu. Gleichzeitig hat Österreich europaweit die ältesten Studenten und eine der geringsten Akademikerquoten in der EU.
Warum also soll man nicht über Aufnahmetests für Höhere Schulen nachdenken? Weil es keine geeigneten Tests gibt? Wer das behauptet, müßte die Schule und jede Art von Leistungsbeurteilung insgesamt abschaffen _ eine Position, die man eigentlich schon überwunden geglaubt hatte. Seriöser ist da schon der Einwand, daß Kinder ihre Begabungen oft erst später entfalten und man ihnen nicht im Alter von zehn Jahren die Zukunft verbauen darf. Aber auch dieses Argument weist in die Vergangenheit: Die Zeiten der strikten Trennung zwischen Mittel- und Hauptschule sind längst vorbei, das Schulsystem ist zu 100 Prozent durchlässig und ein Übertritt der "Spätberufenen" in die AHS ist jederzeit möglich.
Die Debatte zeigt eher, wie rückständig die Österreicher in ihrem bildungspolitischen Denken sind: Wer in die Hauptschule gehen "muß", wird noch immer als minderbemittelt, benachteiligt etc. erachtet und zieht sofort die besorgte Aufmerksamkeit der Linken auf sich, die höchst alarmiert darüber wacht, ob es sich nicht etwa um einen Fall von "sozialer Benachteiligung" handelt. Daß die Berufsrealität längst eine ganz andere ist, daß Facharbeiter ohne Matura unendlich bessere Berufs- und Verdienstchancen haben als Studienabbrecher oder "Nur-Maturanten", wird geflissentlich ignoriert _ von Funktionären, die seit ihrer Schulzeit offenbar nichts mehr gelernt haben.

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