DER STANDARD - Kommentar am 20.07.2001

Wien (OTS) - Haiders Szenario
Von Gerfried Sperl =

Jörg Haider kennt das Repertoire des Populismus. Verschwörungstheorien gehören dazu. Geglaubt werden sie in höchsten Bildungskreisen, sie halten oft über Generationen und haben einen Riesenvorteil: Sie sind so attraktiv, dass man sie nicht beweisen muss.

Diesmal geht es um die Gewerkschaft und deren gestiegenes Selbstbewusstsein. Haiders dunkel drohende Theorie: Mithilfe der Urabstimmung wolle der ÖGB den Staat ab Herbst "destabilisieren", damit der Bundespräsident eingreifen und Neuwahlen ausschreiben könne. Klestil sei "eingeweiht".

Tatsächlich hat Haider ohnehin schrecklich lang gebraucht, um wieder ein Gericht aus seiner Sudelküche zu präsentieren und Bärentaler Medienspiele zu inszenieren. Aber die Vorwürfe haben im Vergleich zu früher eine stark sinkende Sprengkraft. Da war die Theorie, Klestil habe zusammen mit Viktor Klima die europäische Sozialdemokratie zu einer Verschwörung gegen Schwarz-Blau überredet, schon viel besser. Geglaubt hat sie nicht einmal Andreas Khol.

Klestil selbst ist ja alles andere als ein Verschwörer. Der Bundespräsident agiert, wie er es gelernt hat. Als Diplomat. Oder als CVer, wie im Fall des ORF. Da hat er der Öffentlichkeit besorgt erklärt, was ihm sein Freund Gerhard Weis vorher eingeredet hat. Informiert ist das Staatsoberhaupt auch in Sachen ÖGB keineswegs durch Verschwörer, sondern über den ÖGB-Präsidenten himself. Da aber musste Klestil noch nicht eingreifen. Er würde es als solider Demokrat sicher tun, wenn er Anzeichen einer Destabilisierung sähe.

Derzeit verrät der Vorstoß des Schelms vor allem dessen eigentliche Gedanken. Jörg Haider spielt mit vorgezogenen Wahlen und braucht eine Begründung. Denn Ausreden können die schlechte Performance der eigenen Minister nicht ändern. Haider sucht im Grunde nach einem Szenario für den Ausstieg.

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