"Die Presse" Kommentar: "Emotionen statt Frieden" (von Wieland Schneider)

Ausgabe vom 20.7.2001

Wien (OTS). Trotz und Beleidigtsein sind nicht die geeigneten Mittel, um einen komplizierten Konflikt zu lösen. Das gilt auch für die Krise in Mazedonien.
Nachdem der als Hardliner verschriene mazedonische Premier Ljubco Georgievski den internationalen Vermittlern "brutalen Cowboy-Stil" und direkte Hilfe für Albaner-Rebellen vorgeworfen hat, will man in Brüssel vorerst nicht mehr mit ihm sprechen. EU-Außenpolitik-Koordinator Javier Solana und Nato-Generalsekretär George Robertson sagten einen Besuch in der Hauptstadt Skopje kurzerhand ab. Dabei wäre gerade jetzt, da sich die Lage in dem Balkan-Staat erneut zuspitzt, Krisenmanagement wichtig.
Die mühevolle Kleinarbeit auf der Suche nach einer friedlichen Lösung für Mazedonien darf nicht unter persönlichen Befindlichkeiten leiden _ auch, wenn die Enttäuschung des Westens gerechtfertigt ist. Nach zähen Verhandlungen hatten westliche Diplomaten endlich den gemäßigten Albaner-Vertretern Kompromisse abringen können, doch plötzlich will die slawisch-mazedonische Führung davon nichts wissen. Die Art, wie Skopje nun die Vorschläge abgelehnt hat, stellt eine unblutige Lösung des Konflikts in Frage. Ohne minimale Zugeständnisse an die Albaner kann es keinen Frieden geben.
Diesen wollen slawische und albanische Hardliner aber gar nicht. Die Aufstellung mazedonischer Paramilitärs und neue Angriffe der Albaner-Rebellen weisen darauf hin, daß eine Lösung zunehmend auf dem Schlachtfeld gesucht wird. Der Verdacht liegt nahe, daß die Vermittler von EU und USA, Léotard und Pardew, von den eigentlichen Entscheidungsträgern Mazedoniens keine Kenntnis haben und von diesen auch gar nicht ernst genommen werden.
Premier Georgievski weiß um die sich radikalisierende Stimmung im Volk. Ein Nachgeben gegenüber dem Westen und den Albanern könnte ihn das Amt kosten. Mit dem Aufheizen von Emotionen spielt er aber ein inakzeptables, gefährliches Spiel.
Der Westen darf dabei keinesfalls mitmachen. Emotionen dürfen Friedensbemühungen einfach nicht überlagern - auch wenn diese zunehmend sinnlos erscheinen.

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