Stellungnahme des ORF zu "Presse"-Artikel zum Thema Kulturkanal

Wien, (OTS) - Zum "Presse"-Artikel "Wie man einen Kulturkanal
macht: Ohne Gebühren, nur mit Abonnenten" vom 18.7.2001 stellt Wolfgang Lorenz, Hauptabteilungsleiter "Planung und Koordination" und Projektleiter Kulturkanal fest:

Wilhelm Sinkovicz zeichnet in der oben zitierten Ausgabe der "Presse" ein aktuelles Bild des auf klassische Musik spezialisierten Pay-TV-Kanals "Classica" . Wiewohl der ORF in keiner Zeile erwähnt wird, könnte doch beim Leser der Eindruck entstehen, dass hier ein hochwertiges Kulturprogramm so zur Verfügung steht, wie es eben der patscherte ORF nicht zu erzeugen imstande ist. Dies wohl vor dem Hintergrund des neuen Österreichischen Rundfunk-Gesetzes und der damit verbundenen Debatte über Sein oder Nichtsein eines genuinen österreichischen Kulturkanals.

Fakt ist, dass "Classica" integraler Bestandteil des Premiere-Pakets der Kirch-Gruppe ist, für das, da privatwirtschaftlich organisiert, zwar keine Rundfunkgebühren, sehr wohl aber durchaus geschmalzene Abonnentengebühren zu entrichten sind. "Classica" wird innerhalb dieser Gebühren querfinanziert also gestützt. Soll heißen, isoliert betrachtet ist "Classica" so ambitiös wie defizitär. Das reichhaltige und strikt kommerziell orientierte Programmangebot von Premiere ermöglicht erst den "Luxusartikel" "Classica".

Dazu kommt, dass der Abo-Stock von Premiere (also auch für "Classica") aus einer Publikumsbasis von weit über 100 Millionen Europäern mit Querverbindungen rund über den Globus (z.B. Japan) schöpft, während der ORF ja realistischerweise zunächst nur aus einem Mini-Markt von rund 8 Millionen Österreichern schöpfen könnte. Auch Abo-Größen stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit Marktgrößen und sind nicht beliebig kompatibel.

Im Zuge der Projekterstellung für einen österreichischen Kulturkanal hat es aber naturgemäß auch Kooperationsgespräche mit "Classica" gegeben, nicht zuletzt deshalb, um die Chance zu prüfen, inwieweit Wien ein zentraler europäischer Produktionsort, im Speziellen auf dem Sektor der klassischen Musik, werden könnte. Ein spezielles Modell dafür liegt in den Schubladen beider Häuser. Auch dieses Modell kommt nun nicht mehr zur Erörterung, weil das neue Rundfunkgesetz es dem ORF bedauerlicherweise verunmöglicht, einen eigenen Kulturkanal zu betreiben.

Die Gründe dafür seien kurz erinnert: Der ORF dürfte pro futuro zwar einen solchen Spartenkanal nach Genehmigung durch den Stiftungsrat betreiben, es ist ihm aber strikt verwehrt, dafür auch nur einen Gebührenschilling anzugreifen. Auch eine Querfinanzierung aus dem klassischen Werbegeschäft ist untersagt, nur Werbeerlöse, die direkt aus dem Betrieb eines Kulturkanals entstehen, dürften diesem Programm zugeführt werden. Das kann sich selbst am größtmöglich gedachten Markt niemals rechnen, geschweige denn in einem österreichischen Binnenmodell. Geschätzte 300 bis 500 Millionen Schilling, die je nach Ausstattung ein österreichischer Kulturkanal kostete, sind über direkte Werbung in dieser Sparte niemals zu lukrieren, selbst wenn man alle Sponsoringambitionen und potentiellen Joint Ventures mit Institutionen eindenkt.

"Classica" nährt sich zudem überwiegend aus dem internationalen Musik- und Rechtearchiv der seit Jahrzehnten weltweit agierenden Kirch-Gruppe und nur zu einem geringen Teil aus Neuproduktionen. Die Ambition des ORF-Kulturkanals wäre, dem Talent des Landes entsprechend, eine umfassendere und vielschichtigere, also auch sprachgebundenere gewesen. Archivproduktionen hätten selbstverständlich auch eine Rolle gespielt ("Elektronische Nationalbibliothek"), aber viel mehr wäre es um die Einrichtung einer aktuellen, öffentlich einsehbaren Werkstatt für die heutigen Kreativen dieses Landes gegangen. Und selbstverständlich war immer angedacht, diesen Kanal auf Grund eines kooperativen Rechtemodells als Free-TV via Satellit und Kabel europaweit zu kommunizieren, was uns aus Rechtegründen sowohl bei ORF 1 als auch bei ORF 2 auch künftighin verwehrt bleiben wird.

Es ist anzunehmen, dass die einzige "Stimme Österreichs" in der Fernsehwelt jenes, offensichtlich in Gründung begriffene, Kommerzfernsehen sein wird, das mit Sicherheit nicht die Flagge der österreichischen Kultur zu hissen bereit sein wird. In der ORF-Broschüre zum ORF-Kulturkanal spricht Generalintendant Weis von einem zusätzlichen Angebot "das mit Hilfe von Partnern aus den Bereichen Kultur, Bildung, Wissenschaft, Forschung, Politik und Wirtschaft bis zum Frühjahr 2002 realisiert werden sollte". Der Partner Politik hat via neues Rundfunk-Gesetz diese Partnerschaft jedenfalls nicht geleistet.

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