Kommentar WirtschaftsBlatt - zum Thema AKW Temelin - "Rettet die Tschechen vor Temelin!" von Engelbert Washietl

ausgabe vom 18.7.2001

Wien (OTS) - Das Atomkraftwerk Temelin ist spätestens seit Montag dieser Woche kein Orchideenthema mehr, das umweltbewegten Jungscharen zu regelmässigen Picknicks auf österreichisch-tschechischen Grenzstreifen verhilft. Der Fall Temelin ist durch die deutsche Ausstiegsempfehlung ein europäisches Anliegen geworden. Hoffentlich spricht sich das in Brüssel rasch herum. Denn der Fluchtweg aus dem Monsterprojekt wird ein europäischer sein müssen - ein rein tschechischer oder auch ein tschechisch-österreichischer Pfad wäre zu schmal. Ein fertiges Grossprojekt zu stoppen, ist keine Schande. Es gibt prominente Vorläufer: das deutsche Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich ist dank eines Höchstgerichtsurteils nicht in Betrieb gegangen, der schnelle Brüter in Kalkar wurde um mehr als 50 Milliarden Schilling in die schöne Landschaft am Niederrhein betoniert und zu einem grosszügigen Ferienparadies mit 450 Hotelzimmern umgestaltet -Kernie's Familienpark, Eintritt 200 Schilling inklusive jede Menge Pommes Frittes. Das slowakische Donaukraftwerk in Gabcikovo musste sich eine drastische Reduzierung gefallen lassen. Die bayerische Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf ist nie zu Stande gekommen, das AKW Zwentendorf dämmert dahin. Die aufgezählten Bauten und Projekte sind durch nationale Leistungskraft eingemottet worden. Jeder Staat zahlt für seine Fehlkalkulation selber das Lehrgeld. Temelin ist ein Sonderfall, kein Präzedenzfall. Das kommunistische Regime und später die tschechische Republik sahen in dem Atommeiler ein Kernstück der nationalen Energiepolitik. Sauberer Atomstrom, der Industrie und Haushalte aus der Abhängigkeit von der giftigen Braunkohle erlösen sollte. Mittlerweile ist klar, dass Strom aus Temelin so teuer sein wird, dass er nicht mehr konkurrenzfähig ist. Die EU, in der die Stromliberalisierung Fortschritte macht, kann sich ernsthaft überlegen, was billiger kommt: heute den Tschechen eine Auffanglösung zu bieten, oder morgen eine enegiepolitisch kranke Republik als Mitglied aufzunehmen, samt dem hohen atomaren Risiko, das das störfreudige Kraftwerk darstellt. Nicht in Betrieb nehmen ist billiger als abschalten und hunderttausendfach billiger als eine Nuklearkatastrophe. Mit Temelin anzufangen, um aufzuhören, wäre eine zukunftsweisende europäische Tat. (Schluss) wash.

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