WirtschaftsBlatt-Kommentar über Prognosen

Prognosen: Die Einsamkeit des Unternehmers von Jens Tschebull

Wien (OTS) - Die jüngste Revision der Revision der Konjunkturprognosen bestätigt die Freiheit - und die Pflicht des Unternehmers zu autonomen Entscheidungen. Die Prophezeihungen, Ratschläge und Einflüsterungen von Sterndeutern, Gelehrten und Hofnarren auf dem Jahrmarkt der nationalökonomischen Eitelkeiten bieten zwar nützliche Fingerzeige, aber in dem Augenblick, in dem ein Unternehmer den Vertrag oder den Wechsel unterschreibt, ist er völlig allein. Die Volkswirtschaftslehre ist - ähnlich der Medizin - eine Kunst, die sich auch wissenschaftlicher Methoden bedient. Aber sie ist bei weitem keine exakte Naturwissenschaft, die ihre Lehren durch jederzeit wiederholbare Experimente beweisen könnte. Inmitten des Getöses selbstgefälliger Prognostiker, gut bezahlter - oder hoch bestochener - Analysten und wirtschaftspolitischer Adabeis, die noch nie in ihrem Leben etwas produziert und verkauft haben, muss der Unternehmer handeln. Wie für mündige Patienten im Umgang mit Ärzten, ist es auch für Unternehmer ratsam, vor wichtigen Operationen zumindest eine zweite Meinung (second opinion) einzuholen und dann neben allen betriebswirtschaftlichen Analysen und volkswirtschaftlichen Prognosen die eigene Erfahrung und das eigene unternehmerische Gespür wirken zu lassen. Die Gelehrten sind sich ja z.B. nicht einmal darüber einig, ob eine Zinsenerhöhung inflationssteigernd wirkt, da "die Ware Geld durch höhere Zinsen verteuert wird", oder preisdämpfend, "da teureres Geld die Nachfrage verringert". Es ist gefährlich, einfach scheinende Formeln volkswirtschaftlicher Zusammenhänge nachzubeten und danach zu handeln. Gott sei Dank sind die Subjekte der Volkswirtschaft ein schwer zu beurteilender Sack Flöhe, die nie gleichzeitig in eine Richtung springen und allein dadurch konjunkturstabilisierend wirken. In den USA, die vor zwei Wochen noch die Wurzel aller Konjunkturübel waren, soll es in zwei Monaten wieder aufwärts gehen, und die Exporte dorthin erreichen Rekorde. Inmitten dieses kreativen Chaos des Marktes arbeitet und leidet der einsame Unternehmer, dem niemand helfen kann, ausser er selbst. Wer den Ehrentitel Unternehmer verdient, sollte sich deshalb nicht bedauern, sondern stolz auf seine selbst gewählte souveräne Stellung sein, in der er die Anregungen der Gelehrten und der Gaukler für seine autonomen Entscheidungen nützt. (Schluss) JT

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