"Die Presse"-Kommentar: "Der Euro und die Angsthasen" (von Miriam Koch)

Ausgabe vom 12.7.2001

WIEN (OTS). So richtig vorstellen kann man es sich noch nicht: Daß man monatlich nur noch, sagen wir einmal, 1453 Euro verdient. Daß ein Liter Milch 86 Cents kosten wird. Daß man für eine kleine Pizza 3,56 Euro zahlen soll. Das alles klingt noch sehr fremd und nicht nach einem Alltag, der uns schon in weniger als einem halben Jahr bevorsteht.
Das Unvorstellbare, Neue macht oft Angst. Wie sehr, zeigt eine Umfrage: 78 Prozent der Österreicher befürchten, daß vor und während der Euro-Einführung die Preise kräftig anziehen. Diese Angst hat Gründe. Zum Beispiel: In der niederösterreichischen Gemeinde Perchtoldsdorf kosten Parkscheine nun sieben statt fünf Schilling. Eine bekannte Textilkette verkauft T-Shirts neuerdings um 149,99 Schilling (10,90 Euro) statt um 149 Schilling (10,80 Euro). Alles Preiserhöhungen, die nur stattfinden, um im Euro schöne Preise zu haben, sagen die Konsumentenschützer.
Keine Frage, Schwellenpreise sind im Handel sehr beliebt: 9,90 klingt deutlich billiger als zehn. Daran hat man sich im Schilling-Leben gewöhnt, im Euro-Zeitalter wird dies auch selbstverständlich werden. Und es ist logisch, daß der Euro-Schwellenpreis mitunter auch höher sein wird als der umgerechnete Schilling-Preis. Doch einzig Angsthasen gehen davon aus, daß die Euro-Preisschwellen immer nur auf Kosten der Käufer gesetzt werden - und daß sich die Händler mit jeder neuen Preis-Auszeichnung gleich eine goldene Nase verdienen. Denn die Zeiten, in denen Kundenbindung im Handel das Um und Auf ist, sind schließlich auch mit der Einführung des Euro nicht vorbei. Der Konkurrenzkampf zwischen den Ketten wird auch mit dem Abschied des Schillings nicht vorüber sein. Warum sollte von einer Währungsumstellung die Gefahr drohen, daß ein Preis, der sich bisher nach Angebot und Nachfrage gerichtet hat, auf einmal verrückt spielt? Natürlich wird es solche geben, die die Verunsicherung durch die neue Währung auszunützen versuchen. Geschäftsleute sind nun einmal nicht die Fürsorge. Wer nicht über den Tisch gezogen werden will, muß immer aufpassen - Euro hin oder her. Aber Angst vor der neuen Währung zu haben zahlt sich nicht aus.
Im Gegenteil: Angst kann ziemlich teuer werden. Zum Wert einer Währung trägt nämlich auch das Vertrauen der Konsumenten bei. Wenn die Zuversicht verloren geht und dies den Euro schwächt, würde über höhere Importpreise (etwa bei Rohöl) die Inflation angeheizt werden. Nur insofern gibt es also eine reale Gefahr höherer Preise im Zuge der Euro-Einführung.
Daher verwundert es auch nicht, daß Finanzminister Grasser und die Stadt Wien versuchen, vertrauensbildende Maßnahmen zu setzen: Sie versprechen, alle Tarife, Steuern und Gebühren mit der Euro-Bargeldeinführung zugunsten der Steuerzahler abzurunden. Kinderspiel, meinen Kritiker sofort, wenn im Vorfeld die Abgaben erhöht wurden. Daß es auch früher Preissteigerungen gegeben hat, daß allfällige Abgabenerhöhungen mit dem Euro nichts zu tun haben, wird verschwiegen.
Bis jetzt hat die Statistik Austria jedenfalls noch keinen allgemeinen Preisschub herausgefiltert, der auf die Umstellung vom Schilling zum Euro zurückzuführen wäre. Wem nützt also Panikmache? Und sollte es wirklich einen Anstieg der Inflation infolge der Euro-Einführung geben, dann wäre selbst dies kein Anlaß für Gejammer über die neue Währung. Vielmehr wäre es ein Grund, darüber nachzudenken, wie Wettbewerb und Preistransparenz im Handel, im Tourismus und bei anderen Dienstleistungen intensiviert werden könnten. Denn die Angst, daß ein Preis aufgrund lokaler Monopole oder Absprachen vom Ideal abweicht, ist weitaus begründeter als die Furcht, wegen des Euro werde alles teurer.

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