Huber: Regierung soll auf unsinnige Anzeigepflicht für Ärzte verzichten

Anzeigepflicht bringt mehr Leid als Hilfe für geschlagene und missbrauchte Kinder

Wien (SK) "Nehmen Sie die einhelligen Expertenmeinungen ernst, denken Sie an das Leid von Kindern und Jugendlichen, die sich nicht wehren können, verzichten Sie auf die unsinnige Anzeigepflicht für Ärzte", appellierte SPÖ-Abgeordnete Anni Huber am Freitag anlässlich der heutigen Debatte über die Novelle zum Ärztegesetz. Denn der einhellige Tenor der Stellungnahmen aller Experten sei gewesen, dass die geplante Anzeigepflicht für Ärzte bei Verdacht von Gewalt und sexuellem Übergriff auf ein Kind mehr Leid als Hilfe für geschlagene und missbrauchte Kinder bringe. Huber verwies zudem auf eine Analyse des bekannte Kinderpsychologen Max Friedrich, dass die neue Regelung die betroffenen Kinder drei Mal zum Opfer mache:
Nämlich durch die Tat, durch das Verfahren, und am ärgsten durch ein erfolgloses Verfahren, weil das Opfer dann noch als Lügner gelte. ****

Kinder- und Jugendanwaltschaft, Kinderschutzzentren, Kinderärzte, Kinderchirurgen sowie Psychologen und Psychotherapeuten würden sich einhellig und vehement gegen die geplante Anzeigepflicht aussprechen. "Können Sie diese Expertenmeinungen tatsächlich ignorieren? Liegt Ihnen nicht auch daran, die bestmögliche Lösung für die betroffenen Kinder zu erreichen?", so die Abgeordnete in Richtung Regierungsparteien.

Man wisse doch, so Huber weiters, dass 80 Prozent der Täter, die psychische oder sexuelle Gewalt über Kinder ausüben, aus dem Familienverband kommen. Es sei nicht der "böse Mann", der hinter dem Busch lauere, es seien hauptsächlich Vater, Großvater, Bruder, Onkel oder vielleicht ein Nachbar oder Freund der Familie. Die scheinbare Entschärfung, die die Koalition nach der massiven Protestwelle im Ausschuss im Abänderungsantrag eingebaut habe, wonach bei nahen Verwandten diese Anzeigepflicht entfällt, sei mehr als unbefriedigend und irrelevant.

Die Abgeordnete forderte FPÖ und ÖVP auf, mit den Menschen zu reden, die misshandelte und missbrauchte Kinder betreuen. Kinder könnten meist nicht sofort über den Missbrauch und die Gewalt reden, und wenn sie davon erzählen, bedürfe es unendlicher Geduld und eines besonderen Vertrauensverhältnisses, dass sie den Namen des Täters nennen. Insbesondere bei Verdacht auf Missbrauch würden alle Fachexperten sagen, dass der Missbrauch Teil des familiären Systems sei. Das Kind sage oft bei der Befragung nicht aus. Selbst bei eingeleiteten Strafverfahren sei die Einstellungs- bzw. Freispruchsrate sehr hoch. Die Opfer stünden unter einem enormen psychischen Druck; sie würden spüren, dass sie gegen jene aussagen müssen, an denen sie trotz allem hängen, von denen sie abhängig seien. Die Einstellung der Verfahren oder gar ein Freispruch beende dann nicht den Missbrauch oder die Gewalt, im Gegenteil, der Täter fühle sich gestärkt und das führe zu ausweglosen Situationen für die Opfer, hielt Huber abschließend fest. (Schluss) ps

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