"Die Presse"-Kommentar: "Weniger ist oft mehr" (von Clemens Schuhmann)

Ausgabe vom 2.7.2001

WIEN (OTS). In letzter Minute eine seit Monaten schwelende Regierungskrise in Sachen Staatsreform abgewendet, kurz darauf per 1. Juli den EU-Ratsvorsitz turnusmäßig von Schweden übernommen:
Belgien und sein liberaler Regierungschef Guy Verhofstadt stehen seit dem Wochenende unter Starkstrom.
Wenn man das ambitionierte Vorsitz-Programm genau betrachtet, scheint der Benelux-Staat zu einer diplomatischen Offensive entschlossen, die in den kommenden sechs Monaten den verblaßten kolonialen Glanz des Landes ein wenig aufpolieren soll. Auf dem internationalen Parkett solle sein Land nicht länger "wie eine graue Maus ohne Ideen auftreten", gab der emsige Premier Verhofstadt die Marschroute vor.
Um dies zu unterstreichen, düste der Toskana-Fan wenige Stunden vor der Vorsitz-Übernahme in die Demokratische Republik Kongo, um in der Ex-Kolonie zu erklären, sein Land wolle den Problemen Zentralafrikas mehr Aufmerksamkeit verschaffen.
Zentralafrika ist aber nur eines der Vorhaben, die bis Ende Dezember vorangetrieben werden sollen. Belgien, dessen Hauptstadt Brüssel die wichtigsten Institutionen der Europäischen Union beherbergt, hat sich nämlich nicht weniger als 16 Vorrangziele gesetzt.
Da besteht natürlich die Gefahr einer Verzettelung. Noch dazu, wo Belgien nun auch für die beiden momentan größten Herausforderungen der EU verantwortlich zeichnet: die Euro-Bargeldeinführung und der Fortgang der EU-Erweiterung.
Bei ersterem darf es keine Pannen geben, schließlich "ist die EU niemals zuvor so tief in das Leben der Bürger eingedrungen", wie Verhofstadt selbst gesagt hat. "Diesmal werden sie mehr denn je in ihrem Alltag mit einem konkreten, fühlbaren Ergebnis der europäischen Integration konfrontiert." Was - wenn es nicht perfekt funktioniert - sehr gefährlich sein kann. Die Erweiterung wiederum ist nach dem Nein der Iren zum Nizza-Vertrag noch schwieriger geworden.
Auf Verhofstadt und seine Mannschaft wartet also ohnehin genug Knochenarbeit. Die eigenen Steckenpferde sollte Belgien also diesen beiden entscheidenden Themen unterordnen. Frei nach dem Motto:
Weniger ist oft mehr.

Rückfragen & Kontakt:

Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

Die Presse

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR/PPR