"Kleine Zeitung" Kommentar: "Romantik und Radau" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 01.07.2001

Graz (OTS) - Salzburg gleicht heute einer belagerten Festung.
Durch die barocken Gassen tönen nicht Geigen und Flöten, sondern lärmen Trillerpfeifen und Sirenen. Die Internationale der Gipfelstürmer rüstet zur Schlacht gegen das Weltwirtschaftsforum, das nun zum fünften Mal in der Mozartstadt tagt viermal zuvor ohne Skandale und Krawalle.

Natürlich darf man nicht alle Demonstranten als Chaoten und Terroristen diffamieren. Es gibt unter ihnen viele, die von lauteren Motiven angetrieben werden. Weil sie sich für die Entwicklungshilfe einsetzen. Weil sie für den Klimaschutz kämpfen. Weil sie fürchten, dass die Solidarität von der Globalisierung zermalmt wird.

Dennoch fällt es schwer, in dem Gemisch aus Romantik, die aus der naiven Idee spricht, man könnte durch eine weltweite Devisensteuer die guten Transaktionen von den bösen Spekulationen trennen, und Radau, der sich im Schleudern von Pflastersteinen austobt, mehr als die Suche nach einem Sündenbock zu erkennen.

Die Globalisierung und der Neoliberalismus sollen für alles Unrecht und Elend dieser Welt verantwortlich sein: Schuld ist das System. Man braucht es nur zu beseitigen und schon beginnt das Paradies auf Erden. In Zyklen rollen die Protestwellen rund um den Globus. Aus den "Ho Ho Ho Tschi Minh"-Sprechchören der 68er wurde bei der Millenniumstagung der Welthandelsorganisation in Seattle der Kampfruf: "Hey hey ho, WTO has to go!"

Warum sollen die Welthandelsorganisation, der Währungsfonds und die Weltbank verschwinden? Es stimmt einfach nicht, dass der globale Wettbewerb und der internationale Freihandel die Welt ärmer gemacht hätten. Noch nie in der Geschichte haben sich die Lebensumstände so vieler Menschen in so kurzer Zeit so deutlich verbessert.

Richtig ist allerdings auch, dass die Entwicklung nicht überall gleichmäßig verlief und dass sich die Kluft zwischen Reichen und Armen vergrößert hat, auch wenn das Niveau insgesamt gestiegen ist. Aber vielleicht sollte man einmal darüber nachdenken, ob die Dürrekatastrophen in Afrika nicht andere Ursachen haben als die Globalisierung.

Besonders heuchlerisch ist die Warnung vor einer Liberalisierung im ehemaligen Ostblock. Natürlich ist der Sprung in die Freiheit oft mit Schmerzen verbunden, wenn überholte Strukturen und veraltete Industrien aufgegeben werden müssen, doch sieht jeder, der mit offenen Augen unterwegs ist, dass sich für die Ungarn, Tschechen und Polen der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft gelohnt hat.

Ebenso oberflächlich ist die Behauptung, Ostasien wäre nur ein Opfer der Devisenspekulation. Hat man die vorausgegangene Misswirtschaft und die Korruption der Regime schon vergessen? Ist es nicht auch
ein Erfolg des Währungsfonds und der Weltbank, dass es in Südamerika keine Diktatur mehr gibt mit Ausnahme von Kuba?

Deshalb eine Frage an die Nachfahren der Verehrer von Fidel Castro und Che Guevara: Wie fühlt man sich, wenn man über das Internet zum Kampf gegen die Globalisierung aufruft? Einfach so: Total global anti-global. ****

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