"Die Presse"-Kommentar: "Epilog nach Milosevic" von Andreas Schwarz

Ausgabe vom 30.6.2001

WIEN (OTS).Das Spiel ist aus. Daß Slobodan Milosevic, Hauptverantwortlicher
für das Blutbad auf dem Balkan, am zwölften Jahrestag seiner Hetzrede für Großserbien an das Haager Kriegsverbrechertribunal ausgeliefert wurde, verschafft nicht nur Gerichtspräsidentin Carla del Ponte Genugtuung. Nur so lichtvolle Analytiker wie der österreichische KPÖ-Vorsitzende oder die außenpolitische Sprecherin der Grünen empfinden die Auslieferung als "brachial", "beschämend" und als Beweis dafür, wie internationale Politik vom Geld regiert werde.
Jawohl, die überraschend rasche Auslieferung des früheren jugoslawischen Präsidenten hat ausschließlich mit dem Geld des Westens zu tun, das dieser als Hilfe für Jugoslawien in Aussicht gestellt hat. Und das er mit der Überstellung Milosevics verknüpft hat. Na und?
Jugoslawien braucht dieses Geld mehr als dringend, und zwar erst in dritter Linie wegen der Nato-Bomben, die den Kosovo aus dem Würgegriff des Belgrader Despoten befreit haben, sondern viel mehr, weil die Kriegslust Milosevics über Jahre den Staat in den Ruin gestürzt hat.
Die Rechnung des Westens ist - bisher - aufgegangen: Die seinerzeitige Nato-Intervention hat Milosevics Ende eingeleitet und zum friedlich-revolutionären Umschwung in Belgrad geführt; die demokratische Führung hat internationales über nationales Recht gestellt und ihre Verpflichtung, was den Hauptangeklagten für das Balkan-Inferno betrifft, erfüllt - jetzt ist noch einmal der Westen dran.
Die Finanzhilfe muß jetzt fließen, und zwar rasch. Die internationale Gemeinschaft hat, mit Zaudern und Verzögerungen, Großes geleistet zur Befreiung der Region, bei der letzten Etappe aber wäre Zögern am gefährlichsten. Wenn ihr ein ähnliches Desaster passiert, wie beim Balkan-Stabilitätspakt, bei dem monatelang dilettiert wurde und auch heute noch die Effizienz fraglich ist, dann war alles umsonst. Die demokratischen Strukturen in Belgrad sind jung und fragil, erst recht in den Tagen nach der Auslieferung Milo?evi?s. Sie überleben nur, wenn ihre Proponenten den Erfolg ihrer Bemühungen sehen - in cash.
Für Milosevic ist das Spiel aus. Für Jugoslawien aber ist der Epilog sehr viel wichtiger.

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