"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Der nächste Tumult" (von Claus Reitan)

Ausgabe vom 30. 6. 2001

Innsbruck (OTS) - Die Schlagzeilen sind stets die gleichen:
Tumulte überschatten den Gipfel der Europäischen Union in Nizza und in Göteborg, Chaoten behindern die Welthandelskonferenz in Seattle, Anti-Akw-Aktivisten blockieren die Temelin-Anhörung in Wien. Stets das gleiche Bild. Und nun blickt alles nach Salzburg, wo am Sonntag rund 1000 Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft zum Weltwirtschaftsforum erwartet werden.

Wir haben uns darauf eingestellt, dass Demonstranten auf ihre Raufhändel und Polizisten auf ihre Sicherheitsaufgaben vorbereitet sind. Aber die Politik ist offenbar noch nicht fähig und willens, die drängenden Fragen nach Gerechtigkeit im Zeitalter der Globalisierung und nach einer Beschränkung des mancherorts überbordenden Gewinnstrebens wirksam zu beantworten. Und darin liegt das eigentliche Problem.

Die ärmeren Länder leben in einer Schuldenfalle. Sie zahlen mehr an die Banken der wohlhabenden Länder zurück als sie von deren Regierungen an Hilfe aller Art erhalten. Zudem übertrifft die Menge der weltweiten Geldströme den Wert des Handels um ein Vielfaches. Die Kluft zwischen Arm und Reich wurde in und zwischen den Staaten dieser einen Welt größer und krasser.

Hier setzt berechtigte Kritik an, deren sachlicher Gehalt allerdings verloren geht, sobald Demonstranten zu Steinen statt zu Argumenten greifen. Das Grundrecht auf Kritik und Anhörung beinhaltet keines auf Chaos.

Dividende und Rendite haben soziale Gerechtigkeit und Schonung der Umwelt in zu vielen Staaten in den Hintergrund gedrängt. In Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas sind politische Macht und wirtschaftliches Gewinnstreben ein die Bevölkerungen ausbeutendes Bündnis eingegangen. Eine fatale Entwicklung.

Einige große Unternehmen haben gelernt, den Umweltschützern nicht den Werkschutz zu schicken sondern deren Vertreter an den Tisch zu bitten. Die Teilnehmer am Wirtschaftsforum sollen Türen und Ohren öffnen, ehe sich Demonstranten in einer Art Gehör verschaffen, das Argumente übertönt.

Rückfragen & Kontakt:

Chefredaktion, Tel.: 0512/5354 DW601Tiroler Tageszeitung,

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT/OTS