DER STANDARD-Kommentar: "Die Kultur-Konjunktur: Warum das Wiener Museumsquartier auch wirtschaftlich besonders wichtig ist" (von Gerfried Sperl)"

Erscheinungstag 29.6.2001

Wien (OTS) - Ohne die Ringstraßen-Museen und die Ringstraßen-Theater, die Produkte des Erneuerungsbooms im 19. Jahrhundert, hätte Wien bei weitem nicht jene spektakulären Übernachtungszahlen, die der ehemaligen Habsburg-Metropole auch wirtschaftlich enorme Potenz verleihen. Kultur ist zum ökonomischen Quotenfaktor geworden. Und damit zu einem Investitionsgebiet. Dass ein neuerlicher Milliardeneinsatz für ein Museumsquartier die Kultur-und Tourismuswirtschaft des 21. Jahrhunderts ankurbeln würde, leuchtet noch immer nicht allen ein. Obwohl international das Neue mindestens genauso sexy ist wie das Alte. Und ultravorsichtige Politiker mit ihren traditionellen Lösungen im Rückzug sind.

Trotzdem: Österreich ist bekanntlich anders. Heute, im Zeichen von Schwarz-Blau, wäre an eine Realisierung der Museumspläne wohl nicht zu denken. Populistische Kampagnen würden sich mit Volksbefragungen abwechseln. Günter Nenning würde sich vielleicht sogar mit Jörg Haider verbünden, um aus den alten Pferdestallungen maximal ein Fiakermuseum zu machen.

Gegner und Befürworter hätten sich indessen schon in den 90er-Jahren beinahe blockiert, das Aus stand mehrmals unmittelbar bevor. Das Quartier reflektiert diesen Zustand einer politischen Klasse, die sich nicht klar zwischen Altem und Neuem entscheiden konnte. Für Wien war daher an eine spektakuläre Lösung nicht zu denken, keine ausgefallene Idee war realisierbar. Um Museumsarchitektur auch als Attraktion zu erleben, muss man nach wie vor nach Bilbao zu Frank Gehrys Guggenheim fahren, nach Norwegen zu Sverre Fehns Gletschermuseum, zu Kenzo Tanges Friedensmuseum in Hiroshima und bald auch zu Hans Holleins Vulkanmuseum in der Auvergne.

Die neuen Wiener Museumsbauten können zwar im Vergleich mit anderen Kreationen wie der Tate Modern von Herzog & de Meuron in London oder den Berliner Architekturgeburten durchaus bestehen. Sie müssen sich jedoch in die monarchistischen Kulissen ducken. Die Architekten konnten keinen Befreiungsschlag wagen. Das Ensemble ist dadurch zu einem Sinnbild des heutigen Österreich geworden. Das Alte bleibt erhalten, auch wenn es keine Funktion mehr hat. Das Neue muss sich verneigen, um überhaupt eine Chance zu haben.

Trotz dieses Zwangs zum Kompromiss ist ein Zentrum entstanden, das Wien in den Kreis der zehn größten Museumsbezirke weltweit bringt. Und der Stadt eine Kulturkonsum-Fabrik bietet, die mehreren Zielen dient. Erstens: so attraktiv zu sein, dass genug internationale Touristen nur deshalb eine Reise planen. Zweitens: so flexibel und erfinderisch zu sein, dass Kunst auch als Unterhaltung zu vermitteln ist. Und drittens: so gut zu planen, dass auch interessante Verkehrs-und Fun- Lösungen gelingen.

Das Museumsquartier und seine ökonomische Funktion stützen damit auch in den Landeshauptstädten jene Kräfte, die Kultur als Vehikel des Wachstums einsetzen wollen. Namentlich in Graz, dem einstigen Zentrum der Experimente, wo das künftige Kunsthaus (als architektonische Idee Bilbao näher als dem Wiener Konzept) zum Motor eines ganzen Stadtteils werden kann. Oder in Linz, wo Kulturbauten im Verein mit Ars Electronica und Klangwolke das jetzt schon dramatisch veränderte Image der Stadt weiter festigen sollen.

Während große Teile der Bevölkerung den Milliardeneinsätzen im Straßenbau zustimmen oder sie zumindest schweigend hinnehmen, opponieren sie gegen Kulturbauten automatisch: selbst dann, wenn jeder einzelne nur drei oder vier Kilometer Autobahn kostet. Da viele Politiker selbst lieber im "Musikantenstadl" zuschauen, anstatt die Wiener Festwochen zu besuchen, verstärken sie diese Haltung.

Insofern ist die Fertigstellung des Museumsquartiers nicht nur als Jahrhundertereignis, sondern auch als politisches Jahrhundertwunder zu sehen.

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