"Die Presse" Kommentar: "Nichts dazugelernt" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 23.6.2001

Wien (OTS) Häßliche Vorwürfe sind es, die sich die Sozialdemokratie da erneut
anhören mußte: Sie hat jahrzehntelang einen Psychiater gedeckt, ihm zur Karriere verholfen, der in der NS-Zeit Kinder als Versuchskaninchen, als lebenden Rohstoff für Experimente sadistisch mißbraucht hat.
Praktisch gleichzeitig mit diesen neuen Vorwürfen haben die deutschen Sozialdemokraten (und natürlich die Grünen) beschlossen, mit Hilfe der Kommunisten einen Machtwechsel in der Stadt Berlin herbeizuführen. Praktisch gleichzeitig haben hierzulande die sozialistischen (und natürlich die grünen) Studenten beschlossen, die Kommunisten in die Führung der Hochschülerschaft aufzunehmen. Kann sich die Berliner SPD noch zugute halten, daß sie ohne die sogenannte Partei des Demokratischen Sozialismus nie ihren Ehrgeiz auf die Führung der wiedervereinigten Stadt befriedigen könnte, so ist die heimische Studentenkoalition nicht einmal dadurch zu rechtfertigen: Es gäbe auch ohne die Kommunisten eine linke Mehrheit. Eine erschreckende Zeitbilanz. Sind die Maßstäbe in unseren Köpfen schon so verwirrt und verlorengegangen, daß die unbeschreiblich blutigen und grausamen Verbrechen des Nationalsozialismus im sechsten Jahrzehnt danach für viele (neuerdings) zentraler politischer Maßstab sind, die unbeschreiblich blutigen und grausamen Verbrechen des Kommunismus im zweiten Jahrzehnt danach vergessen und begraben sind? Gewiß, jedes dieser Verbrechen war einzigartig: etwa die Judenverfolgung durch ihre generalstabsmäßige, ja industrielle Organisation, die selbst Kleinstkindern keine Chance ließ; etwa die zahlenmäßig noch größer dimensionierte Vernichtung ganzer Klassen, ganzer Völker im Zeichen einer wirren kommunistischen Ideologie, die selbst Kleinstkindern keine Chance ließ.
Oder wiederholt sich nur einfach die Geschichte? Nach 1945 entdeckte man bald in vielen Ländern (demokratisch wie kommunistisch regierten), daß man die ehemaligen Nationalsozialisten für den Wiederaufbau brauchte, weil der Krieg so viele Opfer gefordert hatte, weil so viele Angehörige der Elite - Ärzte, Wissenschaftler -umgebracht oder vertrieben worden waren. Und nach 1989 entdeckte man, daß es in Osteuropa ohne die Angehörigen der ehemaligen Nomenklatura einen ziemlichen Mangel an Führungskräften gibt. Diesmal kommen zwar nicht die Auswirkungen eines Krieges und Holocausts dazu. Diesmal spürt man aber den Umstand, daß jahrzehntelang nur Linientreue eine höhere Ausbildung bekamen und Führungs-Erfahrungen sammeln konnten.
Stimmt diese Parallele, dann wird schon klar, welche Vergangenheits-Aufarbeitungsbücher in zwei bis drei Jahrzehnten von den künftigen Zeitgeist-Verlagen produziert werden. Zu einer Zeit, da man die Altkommunisten nicht mehr als Experten oder Machtbringer braucht. Gewiß spricht vieles dafür, jene Menschen und Parteien, die sich -wie etwa die italienischen Reformkommunisten - ganz und überzeugend von den alten Ideen abgewandt haben, als normale Partner zu behandeln. Freilich war es des Guten zu viel, sie gleich auch in die Sozialistische Internationale aufzunehmen. Aber weder in Österreich noch in Deutschland haben sich die Kommunisten zu einer klaren Abgrenzung von der gesamten Vergangenheit ihrer blutbelasteten Bewegung aufgerafft. In der Stadt Berlin, deren Mauer die ganze Unmenschlichkeit des Systems weltweit symbolisiert hat, tritt sogar jemand als PDS-Spitzenmann an, der wichtige Funktionen im Kommunismus ausgeübt hat, der an der Not der Menschen, die die DDR verlassen wollten, ziemlich schmutziges Geld verdient hat.
Wir haben offenbar wirklich nichts aus der Geschichte gelernt.

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