Lifestyle-Medikamente sind Herausforderung für die Apotheker

5. Sommerakademie für Apotheker tagt zum Thema "Arzneien für Gesunde"

Pörtschach (OTS). "Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen, zumindest im Kopf. Die Pharmaindustrie hat sich daher einiges einfallen lassen, um die Zivilisationsleiden besser im Zaum zu halten und die entsprechenden Nahrungs- und Arzneimittel bereitzustellen. Ob sexuelle Leistungsfähigkeit oder jugendliche Spannkraft, niemals faulende Tomaten oder die Psychopille für den neurotischen Hund - die jetzt auf den Markt drängenden Mittel versprechen eine neue Welt," sagte die Vizepräsidentin der Österreichischen Apothekerkammer bei der Eröffnung der 5 . Sommerakademie für Apotheker am Wörthersee. Die Tagung, an der 300 Apothekerinnen aus ganz Österreich teilnehmen, ist dem Thema "Lifestyle Drugs - Arzneien für Gesunde" gewidmet.

Körner: "Zwar nicht ewige Jugend, aber ewige Alterslosigkeit scheint
machbar. Fettleibige lassen ihre Zellen verschwinden, Top-Manager unterziehen sich Testosteron-Kuren. Und falls man dennoch in Depressionen versinkt, gibt es Glückspillen, die helfen zu vergessen, dass das Hochseil, auf dem man läuft, ein Ende hat und darunter kein Netz hängt. In den vergangenen hundert Jahren hat sich - auch dank des medizinischen Fortschritts - die Lebenserwartung fast verdoppelt und die Lebensqualität entscheidend verbessert. Das Leben ist längst nicht mehr nur auf Erhaltung der Existenz ausgerichtet, sondern soll auch Spaß machen. Nicht nur in der Werbung, sondern mittlerweile schon fast im Bewußtsein verankert, steht Jungsein synonym für Zukunft, Erfolg, Leistungsfähigkeit und Glück."

In einer im vergangenen Februar veröffentlichten repräsentativen EMNID-Umfrage wurde erhoben, dass jeder zweite Deutsche über 50 bereit wäre, Geld für die "ewige Jugend" zu bezahlen. Besonders spendabel in dieser Hinsicht sind demnach die Männer: Zehn Prozent der deutschen Männer über 50 wären bereit, monatlich über 100 Mark für sogenannte Anti-Aging-Medikamente auszugeben.

Versprechen dieser Art sind nicht neu, neu ist jedoch, dass auf diesen Gebieten jetzt Arzneimittel auftauchen, deren Wirkung und klinische Wirksamkeit - ebenso wie ihr Risiko und ihre Qualität -nach modernen Kriterien untersucht wurden und die innerhalb kürzester Zeit nahezu den Bekanntheitsgrad von Aspirin erreicht haben. Das wirft natürlich Fragen auf: Wo stimmen die Versprechungen, die "Testberichte" in der Regenbogenpresse - und wo stimmen sie nicht, wenn man sie wirklich kritisch hinterfragt oder allenfalls nur teilweise? Welchen Krankheitswert haben die Störungen, die da beseitigt werden (sollen). Was ergibt sich daraus für die Risiko-Nutzen-Abwägung? Muss diese nicht ganz unterschiedlich ausfallen, je nachdem, ob das Übergewicht ein ernstes gesundheitliches oder vorrangig kosmetisches Problem ist?

Körner: "Wir Apotheker werden durch die neuen Lifestyle-Medikamente
herausgefordert. Ein Beipackzettel kann die komplexen Fragen, die im Interesse der Patienten beim Einsatz dieser Arzneimittel auftauchen, nicht beantworten. Seriöse Antworten kann nur geben, wer die Daten kennt: Und deshalb hat der Fortbildungsbeirat der Österreichischen Apothekerkammer beschlossen sich hier in Pörtschach 3 Tage lang mit Thematik zu beschäftigen ."

10% der Lifestyle Pillen aus dem Internet sind gefälscht

Körner spricht in diesem Zusammenhang ein großes Problem offen aus:
"Das Marktpotenzial für den Arzneimittelmarkt im Internet ist gigantisch. Es ähnelt einem elektronischen Goldrausch. Nach Schätzungen der deutschen Apotheker werden bereits rund 50 Prozent aller Potenzmittel und ein großer Teil so genannter Lifestyle-Medikamente wie Haarwuchsmittel, Schlank- und Fitmacher elektronisch vertrieben. Rund zehn Prozent seien sogar gefälscht." Das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) hat erst kürzlich den Bezug von Medikamenten aus dem Internet untersucht. Am liebsten werden sogenannte Lifestyle Medikamente über Internet bestellt. "Wahrscheinlich glauben die Leute, dass sie sich auf diesem Weg niemandem rechtfertigen müssen. Die Hemmschwelle, Viagra übers Netz zu kaufen, ist wesentlich niedriger," sagte dazu die ÖBIG-Expertin Dr. SabineVogler.

Das ÖBIG warnte im Rahmen der Untersuchung warnte davor, zu glauben, dass die Internet-Arzneimittel wesentlich billiger sind. Vogler:: "Viagra wird zum Beispiel über das Internet stückweise verkauft, normalerweise gibt es diese in Packungen zu vier oder zwölf Stück. Daher sieht es so aus, als würde die Potenzpille weniger kosten." Zusätzlich müsse man noch Gebühren und Versandkosten einrechnen.

Rechtlich gesehen gebe es keine einzige Möglichkeit, gegen die Online-Doktoren vorzugehen. Vogler: "Klagen wären problematisch. Das Geld ist meistens weg, und man weiß nicht, wo die Anbieter zu Hause sind, denn die sind meistens nicht mehr auffindbar." Deswegen rät auch die Vizepräsidentin der Apothekerkammer, Dr. Körner: "Hände weg von Medikamenten aus dem Internet. Die Apotheker verstehen sich keineswegs als Gegner des Internets. Im Pharma-Bereich sei allerdings Vorsicht angebracht. Dubiose Vertriebswege und nicht autorisierte Händler gefährdeten die Patienten. In der virtuellen Welt findet keine Beratung statt, außerdem ist die Qualität der Produkte ungewiss. Es fehle die Risikokontrolle. Dem Betrug und Datenmissbrauch ist Tür und Tor geöffnet. In Österreich gibt es ausgezeichnete professionelle Beratung durch Ärzte und Apotheker und diese Hilfe sollte auch in Anspruch genommen werden."

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