Biolandwirtschaft und Erweiterung sind kein Gegensatzpaar

Gemeinsame Initiative Österreichs und Tschechiens zu Bio-Sommerakademie

Lednice, 21. Mai 2001 (AIZ). - Österreich und Tschechien wollen die Biolandwirtschaft forcieren. Auf Initiative des österreichischen Landwirtschaftsministeriums wurde in Zusammenarbeit mit dem tschechischen Ressort und den Bioverbänden Ernte für das Leben und Pro Bio eine internationale Bio-Sommerakademie ins Leben gerufen. Heute, Donnerstag, fand der Auftakt der internationalen Konferenz in Lednice statt, an der über 200 Experten aus 25 Ländern teilnehmen. Für Ernte-Verband Biobauer Michael Piatti ist damit der Startschuss für eine "jährliche revolvierende Konferenz" über Biolandbau gefallen. Diese Veranstaltung soll interessierten Agronomen aus Europa Gelegenheit geben, sich untereinander auszutauschen. So soll ein Netzwerk über Biotechnik, Produkte, Marktentwicklungen und Soziopsychologie gespannt werden. Die Sommerakademie in Lednice soll Signalwirkung für die gesamte europäische Landwirtschaft haben, waren sich die Veranstalter einig. Gerade in Tschechien, wo vor kurzem der erste BSE-Fall für Aufregung sorgte, ist die Frage nach der Lebensmittelsicherheit groß. Der tschechische Landwirtschaftsminister, Jan Fencl, will "mit Vernunft" dieser Tatsache entgegentreten. Für ihn hat die Ernährung der Bevölkerung mit unbedenklichen Nahrungsmitteln aus streng kontrollierter und umweltfreundlicher Produktion Vorrang. Den veränderten Bedürfnissen der Gesellschaft ist Rechnung zu tragen, so Fencl. Auch Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer sieht die Erwartungen der Bürger als die entscheidende Frage in der Agrarpolitik. ****

Die Diskussion in den letzten Monaten habe gezeigt, dass die Konsumenten klare Anforderungen an Lebensmittel stellen. Für Molterer ergeben sich fünf Bereiche, die mit wechselnden Einstellungen konfrontiert sind. Zunächst müssen alle Lebensmittel sicher sein. "Alle Beteiligten der Nahrungsmittelkette haben die Verpflichtung, dem gerecht zu werden", so Molterer. Weiters erwarten sich die Konsumenten einen "positiven Nutzen" im Sinne von Gesundheit. Auch beginnen die Verbraucher die Qualität der Lebensmittel neu zu definieren. "Nicht die Größe, nicht die Farbe, sondern die zusätzlichen Qualitätswünsche in Richtung Ethik und artgerechte Tierhaltung sind kaufentscheidend", meinte der Minister. Zudem werde in der Öffentlichkeit der Landbewirtschaftung ein positiver Beitrag zum Erhalt des ökologischen Gleichgewichts beigemessen. Im zunehmenden Maße fließen die Überlegungen nach Wirtschaftskraft und Stabilität in den ländlichen Regionen ein. Dieser gesellschaftliche Rahmen spiele eine zentrale Rolle bei der Ausgestaltung des agrarpolitischen Rahmens.

Molterer zeigte sich besorgt über die politische Diskussion in Europa. Einerseits herrsche die gängige Meinung, die Zukunft der Landwirtschaft liege im Biolandbau, andererseits würden Handelsliberalisierung und die Öffnung von Märkten angestrebt. "Wer Qualität, Sicherheit, Gesundheit und einen lebensfähigen ländlichen Raum will, muss sich für eine dementsprechende Politik entscheiden", sagte Molterer. Dem Liberalismus seien Grenzen zu setzen. Auch könne eine bäuerliche Landwirtschaft, die alle Wünsche erfüllt, nicht gleichzeitig mit Preisen konkurrieren, die von der industrialisierten Landwirtschaft vorgegeben werden.

Molterer: Harmonische Entwicklung von Angebot und Nachfrage

Molterer trat dafür ein, die biologische Landwirtschaft in Europa im Zuge der Erweiterung zu stärken. Als Vertreter des "Biolandes Nummer 1" plädiert Molterer für eine "harmonische Entwicklung". Angebot und Nachfrage soll sich im Biobereich die Waage halten. Er möchte eine Situation wie in der konventionellen Landwirtschaft mit Mengendruck und Angebotsüberschüssen vermeiden. Molterer präsentierte einen Aktionsplan, wonach die Förderinstrumente weiterentwickelt werden, die Bildungs- und Beratungstätigkeit vor allem in Schulen und die Öffentlichkeitsarbeit gestärkt und die Forschung forciert werden sollen. Die Logistik und die Vermarktung von Bio-Produkten seien ebenso zu stärken.

Die Agenda 2000 gäbe den Mitgliedsstaaten die Möglichkeit, die biologische Landwirtschaft optimal zu fördern. Österreich habe diese Chance genützt und als erstes Land ein Programm zur ländlichen Entwicklung vorgelegt. Insgesamt wandern 65 % der österreichischen Mittel in das Programm zur ländlichen Entwicklung, 35 % werden für die klassischen Marktinstrumente wie Exporterstattungen und Direktzahlungen aufgewendet. Die EU gibt bekanntlich nur 10 % ihrer Mittel für den ländlichen Raum aus, der Großteil entfällt auf Marktinstrumente.

EU-Lob für Österreich

Joachim Heine, stellvertretender Generaldirektor in der Generaldirektion Landwirtschaft, lobte den österreichischen Weg. Er habe "vorbildhaften Charakter" für die Zukunft. Er wünsche sich, dass die anderen EU-Mitgliedsstaaten dem "Paradebeispiel Österreich" folgen und eine Umschichtung von Mitteln zu Gunsten des Biolandbaus vornehmen würden. Seitens der EU gäbe es für biologisch wirtschaftende Betriebe keine produktspezifischen Beihilfen. Die Unterstützung soll über die zweite Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik, Entwicklung des ländlichen Raumes, sowie über Investitionsbeihilfen, Bildungsprogramme und Marketingaktivitäten greifen.

EU: Biolandbau seit 1993 verdreifacht

EU-weit wirtschaften 3 % der Betriebe nach biologischen Kriterien, Tendenz steigend. So hat sich die Zahl der Bio-Betriebe seit 1993 verdreifacht, informierte Heine. "Die Gemeinschaft ist daran interessiert, den Biolandbau zu stärken. Wir wollen die wirtschaftliche Bedeutung der Bio-Betriebe auf 10 % anheben", kündigte der EU-Beamte an. Letztendlich muss der Verbraucher bereit sein, neben der "guten Meinung" über Bioprodukte auch den angemessenen Preis dafür zu zahlen, so Heine.

NÖ: Erfolgreicher Bio-Landbau

Dass Bio-Landbau erfolgreich ist, zeigt das Bundesland Niederösterreich. Österreichweit gibt es 19.000 Biobetriebe, die eine Fläche von 270.000 ha bewirtschaften. Alleine in Niederösterreich werden von 3.200 Betrieben etwa 100.000 ha nach organisch-biologischen Kriterien bestellt. Auf Grund intensiver Beratungsarbeit und Zusammenarbeit mit Erzeugerorganisationen konnte sich der Biolandbau etablieren, sagte Agrarlandesrat Josef Plank. "Aus der Landwirtschaft heraus entwickelten sich die Regionen zu Ökoregionen. Gewerbe und Tourismus sind voll miteinbezogen und profitieren vom Trend zu Bio", sagte Plank. Er begrüße die Entscheidung des Landes Niederösterreich, wonach sämtliche Großküchen, Kantinen und Krankenhäuser bis zu 25 % Bio-Produkte zukaufen. "Und das, obwohl die Preise um 15 % höher liegen", so der Agrarlandesrat. Schwierigkeiten gäbe es noch bei der Vermarktung und Logistik. Daran müsse "in einem gemeinsamen Prozess" gearbeitet werden.

Bio-Vorreiter unter EU-Kandidat

Der tschechische Botschafter in Brüssel, Libor Secka, begrüßte das Äquivalenzabkommen mit der Europäischen Union in die Liste der Drittländer. Somit können tschechische Bioprodukte pflanzlicher Herkunft auf dem EU-Markt vermarktet werden. Tschechien ist der einzige Beitrittswerber, der eine namhafte Bioproduktion hat. Über 560 Betriebe bewirtschaften 165.000 Hektar oder 3,9 % der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche nach ökologischen Kriterien. Vertreten werden die tschechischen Biobauern von der Erzeugergemeinschaft "Pro Bio".
(Schluss) ek

Rückfragen & Kontakt:

http://www.aiz-pressedienst.com
FAX: (01) 535 0438

AIZ - Agrarisches Informationszentrum, Pressedienst
Tel: 01/533-18-43, e-Mail: pressedienst@aiz-in.com

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | AIZ/AIZ