WirtschaftsBlatt-Kommentar über Rettberg: Die Wirtschaft braucht Rettbergs (von Arne Johannsen)

Wien (OTS) - Das ist Dramatik pur, wie sie kaum ein
Fussball-Finale bietet: In der Nachspielzeit, kurz vor dem endgültigen Abpfiff, schafft es Libro-Chef Andre Rettberg doch noch, sein hochgestecktes Ziel zu erreichen - endlich ist Libro eine "Tainment-Company". Zwar hat sich der Schwerpunkt in den letzten Tagen deutlich Richtung "Entertainment" verschoben, aber das Ringen um die Libro-Rettung, der Kampf gegen den Konkurs, das Duell Banken gegen Bieter - hier wird wirklich jedem etwas geboten. Die Banken verlieren mal wieder Geld, wofür sich das Mitleid bei Menschen ausserhalb der Finanzwelt erfahrungsgemäss in Grenzen hält. Die kleineren Lieferanten werden laut jüngstem Offert voll befriedigt, die etwas grösseren mit einer Quote von 50 Prozent. Das ist mehr als zu erwarten war und tut dem moralischen Empfinden gut. Absolut ungetrübte Freude am Libro-Stück hat derzeit allerdings das grosse Publikum der Bedenkenträger. Sie haben immer schon gewusst, dass die Libro-Pläne niemals aufgehen können und lehnen sich jetzt bequem zürück, um sich Rettbergs Untergang anzuschauen. Und das ist schade. Und falsch. Denn die Wirtschaft braucht Rettbergs - und hat sie auch. Red-Bull-Erfinder Dietrich Mateschitz investierte als Sponsor Unsummen in die Formel 1, obwohl 80 Prozent der TV-Zuschauer Red Bull in ihrem Land damals noch gar nicht kaufen konnten - verrückt. Gericom-Gründer Hermann Oberlehner bildete sich ein, ausgerechnet gegen Giganten wie Compaq, Toshiba und Sony antreten zu müssen und stieg in die Produktion von Notebooks ein - absurd. Der Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner scheute sich nicht, als David den deutschen Bau-Goliath Strabag zu schlucken - Wahnsinn. Alle drei zählen zu den Top-Unternehmern des Landes und schreiben beeindruckende Erfolgsstorys. Was zeigt, dass Unternehmer und auch Manager nicht nur ein gesundes Selbstvertrauen benötigen, sondern auch eine gehörige Portion Selbstüberschätzung - und den gewissen "rettberg-Faktor", eine Mischung aus Vision und Illusion. Ohne den Glauben, etwas besser zu können als alle anderen, würden sie keine Unternehmen gründen und keine Top-Positionen übernehmen. Trotz eines hohen "Rettberg"-Faktors stellen sich die wirklich Erfolgreichen allerdings regelmässig der Realität, auch der bilanziellen. Und das ist wohl der entscheidende Unterschied zum echten Andre Rettberg.

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