"Die Presse"-Kommentar: "Im Zahlenrausch" von Michael prüller

Ausgabe vom 13.6.2001

WIEN (OTS). Fünf bis zehn Prozent aller Arbeitnehmer in Österreich trinken
zuviel, der daraus erwachsende Schaden für die Wirtschaft beträgt 40 Millionen Schilling pro Tag. Sagt die neuste Statistik. Wir sagen:
Woher will sie das eigentlich wissen?
Betrachten wir es nüchtern: Natürlich ist Suff am Arbeitsplatz ein Problem für die Wirtschaft. Über den Daumen gepeilte Phantasiezahlen (wie die täglichen 40 Millionen) sind es aber auch. Ähnliche Berechnungen kennen wir auch für die Schäden, die aus exzessivem Computerspielen ("Moorhuhn-Jagd!") den Betrieben erwachsen. In Wirklichkeit sind das reine Hausnummern.
Tatsächlich entwickelt unsere Gesellschaft in immer höherem Maße eine regelrechte Abhängigkeit von Zahlen. Wofür es keine Bezifferung, zumindest eine plausible Dunkelziffer gibt, das existiert gar nicht. Dieses Bedürfnis nach exakten Angaben entspricht natürlich der rasant zunehmenden Komplexität von Politik, Wirtschaft und den Ansprüchen der daran Beteiligten; eine Befriedigung dieses Bedürfnisses ist unumgänglich. So könnten wir etwa ohne die Berechnung des voraussichtlichen Verlaufs des Bruttoinlandsproduktes keine sinnvollen Kollektivvertragsverhandlungen mehr führen, und der Finanzminister müßte Budgetpolitik im Blindflug betreiben - auch wenn wir genau wissen, daß viele Determinanten des BIP gar nicht genau erfaßbar sind.
Worauf es aber ankäme, wäre eine gesunde Skepsis gegenüber den Zahlen. Allzugern glauben wir ohne nachzudenken, daß exakt bestimmt werden könnte, wieviel Milliarden etwa die Abschaffung eines Urlaubstages brächte, oder daß man auf zwei Kommastellen genaue Berechnungen vorlegen kann, wie sich die Bevölkerung in Afrika -einem Land mit so gut wie keinen Geburtenregistern oder Meldebehörden - entwickelt.
Zahlen, die Wissen suggerieren, wo es nur Ahnungen gibt, geben trügerische Sicherheit und erhöhen damit die Unfallgefahr. Sie gleichen damit anderen Suchtmitteln - namentlich dem Alkohol. Und der daraus erwachsende Schaden ist groß. Wir schätzen ihn auf mindestens 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die Dunkelziffer liegt aber doppelt so hoch.

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