- 12.06.2001, 19:30:05
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"Die Presse"-Kommentar: "Im Zahlenrausch" von Michael prüller
Ausgabe vom 13.6.2001
WIEN (OTS). Fünf bis zehn Prozent aller Arbeitnehmer in Österreich
trinken
zuviel, der daraus erwachsende Schaden für die Wirtschaft beträgt 40
Millionen Schilling pro Tag. Sagt die neuste Statistik. Wir sagen:
Woher will sie das eigentlich wissen?
Betrachten wir es nüchtern: Natürlich ist Suff am Arbeitsplatz ein
Problem für die Wirtschaft. Über den Daumen gepeilte Phantasiezahlen
(wie die täglichen 40 Millionen) sind es aber auch. Ähnliche
Berechnungen kennen wir auch für die Schäden, die aus exzessivem
Computerspielen ("Moorhuhn-Jagd!") den Betrieben erwachsen. In
Wirklichkeit sind das reine Hausnummern.
Tatsächlich entwickelt unsere Gesellschaft in immer höherem Maße
eine regelrechte Abhängigkeit von Zahlen. Wofür es keine
Bezifferung, zumindest eine plausible Dunkelziffer gibt, das
existiert gar nicht. Dieses Bedürfnis nach exakten Angaben
entspricht natürlich der rasant zunehmenden Komplexität von Politik,
Wirtschaft und den Ansprüchen der daran Beteiligten; eine
Befriedigung dieses Bedürfnisses ist unumgänglich. So könnten wir
etwa ohne die Berechnung des voraussichtlichen Verlaufs des
Bruttoinlandsproduktes keine sinnvollen
Kollektivvertragsverhandlungen mehr führen, und der Finanzminister
müßte Budgetpolitik im Blindflug betreiben - auch wenn wir genau
wissen, daß viele Determinanten des BIP gar nicht genau erfaßbar
sind.
Worauf es aber ankäme, wäre eine gesunde Skepsis gegenüber den
Zahlen. Allzugern glauben wir ohne nachzudenken, daß exakt bestimmt
werden könnte, wieviel Milliarden etwa die Abschaffung eines
Urlaubstages brächte, oder daß man auf zwei Kommastellen genaue
Berechnungen vorlegen kann, wie sich die Bevölkerung in Afrika -
einem Land mit so gut wie keinen Geburtenregistern oder
Meldebehörden - entwickelt.
Zahlen, die Wissen suggerieren, wo es nur Ahnungen gibt, geben
trügerische Sicherheit und erhöhen damit die Unfallgefahr. Sie
gleichen damit anderen Suchtmitteln - namentlich dem Alkohol. Und
der daraus erwachsende Schaden ist groß. Wir schätzen ihn auf
mindestens 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die Dunkelziffer
liegt aber doppelt so hoch.
Rückfragehinweis: Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
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