DER STANDARD-Kommentar: "Erweiterungspsychologie" (von Jörg Wojahn) "

Erscheinungstag 13.6.2001

Wien (OTS) - Budapest war pragmatisch und hat sich der Unvernunft gebeugt. Es akzeptiert, dass für die Freizügigkeit ungarischer Arbeitnehmer und Dienstleister nach dem EU-Beitritt des Landes in der Union Übergangsfristen gelten werden. Außenminister János Martonyi nannte in Luxemburg den Grund: "Wir mussten realistisch sein und die psychologischen und politischen Probleme anerkennen." Psychologische Probleme der Österreicher, politische Probleme der Deutschen, die sich vor einer Zuwanderungswelle aus dem Osten fürchten, die nach den meisten Wirtschaftsstudien unwahrscheinlich ist.

Nach den psychologischen und politischen Problemen der Ungarn, Tschechen, Polen fragt - zumindest in Berlin und Wien - niemand. Die Menschen in den Kandidatenländern wundern sich möglicherweise aber, was ihnen der EU-Beitritt persönlich bringt, wenn sie nicht einmal eine europäische Grundfreiheit wie die Arbeit im Ausland genießen dürfen. Dabei sollen sie doch, sind die Verträge ausgehandelt, freudig in Referenden dem EU-Beitritt zustimmen. - Irland lässt grüßen.

Dabei ist die Welt der europaweiten Freizügigkeit nicht schwarz-weiß. Auch Beitrittskandidaten fürchten sich vor Zuwanderungswellen. Das ist der Grund, aus dem Malta für sich Übergangsfristen fordert - aus Angst vor süditalienischen Gastarbeitern. Und das ist wohl auch das Motiv, das im Hintergrund die Ungarn dazu bewegt hat, Gegenseitigkeit bei den Fristen zu verlangen - wer welche fordert, unterliegt ihnen auch selbst.

Budapest sieht zwar keine Ströme von Arbeitslosen aus Deutschland und Österreich auf sich zukommen. In dieser Beziehung ist die Gegenseitigkeitsbedingung nur eine - psychologische und politische -Beruhigungspille für die enttäuschte ungarische Bevölkerung. Mit Blick auf Polen sieht Budapests Vorbehalt aber schon ganz anders aus:
Dürfen die Polen nicht nach Westen, gehen sie vielleicht in den florierenden Südosten.

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