WirtschaftsBlatt-Kommentar 13.6.2001: Captain America auf Abenteuerurlaub (von Michael Laczynski)

Wien (OTS) - Für US-Präsident George W. Bush versprechen die kommenden Tage aufregende Erlebnisse und eine Vielzahl an exotischen Eindrücken. Es gilt, eine ihm völlig fremde Welt zu entdecken:
Europa. Den eigenartigen kleinen Kontinent jenseits des Atlantiks kennt die Fleisch gewordene Quintessenz der wichtigsten amerikanischen Tugenden - Gottesfurcht, Freiheitsliebe, Gerechtigkeitssinn - bisher nur vom Hörensagen. Nun hat er Gelegenheit dazu, wie seinerzeit US-Astronauten auf dem Mond, erste Schritte unter veränderten Schwerkraftbedingungen zu wagen und Gesteinsproben zur späteren Analyse zu sammeln. Der fünftägige Abenteuerurlaub führt Bush von Spanien über den EU-Gipfel in Göteborg bis in den Wilden Osten nach Polen und Slowenien. Für Attraktionen und Abwechslung haben die schrulligen Europäer bereits gesorgt: Auf der iberischen Halbinsel sind Demonstrationen gegen die alttestamentarische Hinrichtungs-Politik der USA angekündigt. In Schweden wollen die EU-Granden mit Bush ein ernstes Wort über den Ausstieg Amerikas aus dem Klimaschutzprotokoll von Kyoto und angedachte Handelshemmnisse für EU-Stahlexporteure reden. Und in Laibach wird der US-Präsident Russlands starken Mann Wladimir Putin besänftigen müssen, der über den geplanten US-Raketenabwehrschild gar nicht erfreut ist. Mit der Wiederholung seiner Wahlkampfsprüche, er wolle ein Präsident der Mitte sein, ist es diesmal nicht mehr getan. Bush, der in seinem Pathos und Missionierungseifer bisweilen mehr dem Comic-Superhelden Captain America ähnelt als einem Politiker aus Fleisch und Blut, muss endlich pragmatischer agieren. Es gilt, die zuletzt entstandenen Risse in den Beziehungen zwischen Europa und den USA zu kitten. Denn Europa ist seit dem Ende des Kalten Krieges selbstbewusster geworden und will sich bei geopolitischen und wirtschaftlichen Fragen von Washington nicht mehr überfahren lassen. Auch die neue Kräfteverteilung im US-Senat verlangt nach mehr Kompromissbereitschaft. Nach dem Parteiaustritt von Senator James Jeffords kontrollieren Demokraten das Oberhaus - und pochen auf eine gemässigtere Aussen- und Wirtschaftspolitik der US-Regierung. Wenn Bush auf seiner Europa-Tour statt Colts Verbandszeug in die Halfter steckt, hat die Reise gute Aussichten auf ein Happy End. (Schluss) la

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