Polen: Landwirtschaft bekommt Strukturwandel verordnet 1

Das Rezept lautet Strukturrente, Frühpensionierungen und neue Jobs

Warschau, 6. Juni 2001 (AIZ). - Die Ernüchterung folgt der Euphorie. Je mehr Details über Kosten und Auflagen bekannt werden, umso länger werden die Gesichter der polnischen Landwirte in ihrem EU-Anpassungsprozess. Die polnische Landwirtschaft sieht einem unausweichbaren Strukturwandel ins Auge. Laut Statistik zählt Polen 2,4 Mio. Betriebe mit mehr als einem Hektar Fläche, wovon etwa 680.000 Höfe tatsächlich für den Markt produzieren. Der Rest erzeuge entweder gar keine Lebensmittel oder wenn, dann nur für den Eigenbedarf, hieß es aus dem polnischen Landwirtschaftsministerium. ****

Selbst die Bauernvertreter erkennen diese Tatsache an. "Die kleinen bäuerlichen Betriebe sind nicht mehr eine Frage der Agrarpolitik, sondern der Sozialpolitik", sagte Jozef Waligora, Vorstandsvorsitzender der Landwirtschaftskammern Polens, am Montag in Warschau.

Direktzahlungen nur für Marktbetriebe

Gleichzeitig zerstreut Waligora Befürchtungen aus den alten EU-Staaten, dass jeder polnische Bauer Direktzahlungen erhalten werde. Nur jene Betriebe, die für den Markt produzieren, würden in den Genuss von Marktordnungsprämien bei Übernahme der Gemeinsamen Agrarpolitik, GAP, kommen. Julian Tadeusz Krzyzanowski, Direktor für Europäische Integration im Landwirtschaftsministerium, bestätigte:
"Diese Betriebe werden sich in der EU um die Direktzahlungen bemühen." Bis es soweit ist, soll der Umstrukturierungsprozess am Lande weitergeführt werden.

Strukturwandel soll beschleunigt werden

Frühpensionsregelungen und neue Arbeitsplätze im Gewerbe sollen die Anzahl der Höfe "schneller verringern als bisher". Zusätzlich erwartet das Ministerium von einer neuen Gesetzesgrundlage kräftige Impulse für die Flurbereinigung und Kommassierung von Flächen. Ab 1. Jänner 2003 soll die so genannte Strukturrente in Kraft treten. Wenn ein Betriebsführer seine landwirtschaftliche Nutzfläche verkauft, so erhält er vom Staat eine monatliche Rente von umgerechnet rund ATS 3.000,-. Die Bauernverbände rechnen mit etwa 7.000 Landwirten pro Jahr, die diese Rente in Anspruch nehmen werden.

Sapard soll Infrastruktur verbessern

Zusätzlich erhoffen sich die Behörden vom Vorbeitrittsprogramm Sapard effektive Verbesserungen in der ländlichen Infrastruktur und in der Modernisierung von landwirtschaftlichen Betrieben. Das Sapard-Programm soll einen Teil der Jobverluste abfangen und den Bauern Mut für Investitionen in ihre Betriebe geben, so ein Sprecher der zentralen Sapard-Agentur in Warschau. Ebenso sollen die Standards im Veterinärbereich sowie die phytosanitären Angelegenheiten auf Vordermann gebracht werden.

Zähe Anpassung an EU-Standards

Etwa 40 % der gesamten polnischen Jahresmilchproduktion (11,763 Mio. t) entspreche der EU-Norm oder in Polen der Qualitätsstufe "Extraklasse". In der so genannten "Klasse 1" wird 25 % der angelieferten Milch verarbeitet und in der "Klasse 2" kommt noch ein gutes Drittel (35 %) der Milchproduktion auf den polnischen Markt. Ein Gesetz ist in Vorbereitung, wonach ab dem 1. Jänner 2005 nur mehr Milch der "Extraklasse" in den polnischen Molkereien verarbeitet werden darf.

Alleine dieses Gesetz sei ein Beispiel dafür, dass viel Enthusiasmus für den EU-Beitritt verflogen sei. "Die Bauern sehen, wie hart die Anpassungen an die EU-Normen sind. Die gehobenen Produktionsniveaus, die EU-Zertifikate und die Umweltauflagen gehen ins Geld", so der Direktor der Landwirtschaftskammer aus der Woiwodschaft Ermland/Masuren. Die gängige Meinung unter den Bauern sei, dass "nur die Größeren" überleben werden.

Selbst Prämien sichern nicht Überleben

Selbst wenn Polens Landwirte in vollem Umfang die Marktordnungsprämien bekommen würden, könnten sie davon nicht leben, so der regionale Bauernvertreter. Oberstes Ziel sei es, die Produktivität anzukurbeln und polnische Produkte wieder auf dem Inlandsmarkt zu positionieren. Hochsubventionierte EU-Produkte hätten die heimischen Bauern aus dem Markt verdrängt, beklagt sich der Bauer Jozef Kwas.

Ein Kilogramm Schweinefleisch aus Deutschland würde hier um umgerechnet ATS 7,- verkauft werden und mit diesem Preisniveau könnten die polnischen Bauern nicht mithalten. Neben Absatzproblemen kämpft Polens Landwirtschaft mit einem sehr niedrigen Bildungsniveau der Bauern. Regionale Beratungszentren seien emsig bemüht, den Bauern Fachwissen rund um Stallbau, Tierzucht, Qualitätsmanagement und Betriebswirtschaft zu vermitteln. "Wir würden achtmal mehr Berater brauchen, um die Anliegen der Bauern halbwegs zu erfüllen", beschreibt Jan Mackiewicz, Direktor des Beratungszentrums in Ermland/Masuren, die Ressourcenknappheit. Ein weiteres Problem sei die hohe Arbeitslosigkeit (27 %) im ländlichen Raum und das starke Stadt-Land-Gefälle.
(Forts.) ek

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