OeNB: 29. Volkswirtschaftliche Tagung der OeNB: Währungsunion als Katalysator für die Entwicklung des europäischen Finanzsystems

Wien (OTS) - In seiner Eröffnungsrede anläßlich der 29. Volkswirtschaftlichen Tagung der Oesterreichischen Nationalbank hob Gouverneur Dr. Klaus Liebscher die positiven Auswirkungen der Währungsunion auf die Entwicklung des europäischen Finanzsystems hervor und setzte sich mit dem Strukturwandel auf den Kapitalmärkten, im Bankensystem sowie in der Finanzmarktaufsicht auseinander. Er begrüßte zahlreiche hochrangige Persönlichkeiten und Experten aus Zentralbanken, Finanzinstitutionen und Universitäten - unter Ihnen auch den Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Wim Duisenberg und den Gouverneur der Bank of England, Sir Eddie George. Im Mittelpunkt der Tagung stand das Thema "Der Einheitliche Finanzmarkt - Eine Zwischenbilanz nach zwei Jahren WWU".
Gouverneur Liebscher verwies eingangs auf die bedeutende Rolle der Währungsunion als Katalysator für die Entwicklung des europäischen Finanzsystems ein. Während die direkten Auswirkungen wie der Wegfall von Währungsrisiken, die erhöhte Preistransparenz auf den Kapitalmärkten oder die Vereinheitlichung der Refinanzierungsbedingungen für das Bankensystem unmittelbar sichtbar sind, sei es schwieriger, die indirekten Auswirkungen einzuschätzen, die sich im Strukturwandel des europäischen Finanzsystems zeigen. Gouverneur Liebscher betonte, dass die Anzeichen für diesen Strukturwandel jedoch bereits nach den ersten zwei Jahren der Währungsunion deutlich sichtbar sind. So hätte beispielsweise sowohl das Gesamtvolumen wie auch der Umfang von Einzelemissionen am Markt für Unternehmensanleihen deutlich zugenommen. Seit der Währungsunion sei der Anleihenmarkt in der Lage, größere Emissionsvolumina aufzunehmen als es die einzelnen nationalen Anleihenmärkte vor der Einführung des Euro konnten. Gerade im Anleihenmarkt hätten sich die vor der Währungsunion gehegten Hoffnungen auf eine Ausweitung der Liquidität und Tiefe der europäischen Kapitalmärkte bereits jetzt schon eindrucksvoll erfüllt.
Auch für Aktienemissionen, so der Gouverneur weiter, zeige der Euroraum zunehmende Attraktivität. Die wachsende Bedeutung von transeuropäischen Anlagestrategien ließe auch einen tiefgreifenden Strukturwandel in der europäischen Vermögensverwaltungsindustrie erwarten, was die Bedeutung eines gesamteuropäischen Aktienmarktes in Zukunft noch verstärken werde.
Gouverneur Liebscher wies darauf hin, dass auch die Entwicklungen im Geldmarkt sowie die rasche Entwicklung eines europäischen Marktes für Zinsderivative die Einschätzung bestätigten, daß seit der Einführung des Euro sowohl quantitativ als auch qualitativ ein sichtbarer Wandel auf den europäischen Finanzmärkten eingetreten sei.
Er ging sodann auf die Bedeutung dieses Strukturwandels auf dem Kapitalmarkt für den europäischen Bankensektor ein. Dabei vertrat er die Ansicht, dass die Entwicklungen auf dem Kapitalmarkt zwar negative Auswirkungen auf das traditionelle Bankgeschäft haben könnten, dass aber gleichzeitig neue Geschäftsfelder im Bereich der Vermögensverwaltung und des Investment Banking entstünden. Sind die Banken in der Lage, diese Möglichkeiten richtig zu nützen, könnte die Entwicklung hin zu einem stärker marktorientierten Finanzsystem ihre Rolle sogar eher stärken als schwächen. Die europäischen Banken könnten hier sogar von ihrer speziellen Expertise, die sie durch die europäischen Tradition des Universalbankensystems aufgebaut hätten, besonders profitieren.
Im letzten Teil seiner Rede ging Gouverneur Liebscher dann auf die Herausforderungen ein, die sich durch den Strukturwandel im Finanzsystem für die Finanzmarktaufsicht und die Regulierungsbehörden ergeben. Er erwähnte die europaweit geführte Diskussion um die institutionelle Reform der Finanzmarktaufsicht und hob hervor, dass unabhängig von den Details der institutionellen Ausgestaltung eine enge Einbindung von Zentralbanken in die Bankenaufsicht von größter Bedeutung sei. Er wies auf die positiven historischen Erfahrungen hin, die zeigten, dass die nationalen Zentralbanken für diese Aufgabe besonders geeignet seien.
Abschließend betonte Gouverneur Liebscher die Bedeutung einer offenen Diskussion zu Fragen und Herausforderungen, die sich durch den tiefgreifenden Strukturwandel auf den europäischen Finanzmärkten ergeben und gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass die 29. Volkswirtschaftliche Tagung der Oesterreichischen Nationalbank als internationales Forum dazu einen wichtigen Beitrag leistet.

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