PARLAMENTARISCHE ENQUETE: SOLIDARITÄT MIT UNSEREN STERBENDEN Kardinal König: Kein Mensch darf über menschliches Leben verfügen

Wien (PK) - "Solidarität mit unseren Sterbenden - Aspekte einer humanen Sterbebegleitung in Österreich" lautet der Titel einer Parlamentarischen Enquete, die heute Vormittag vom Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses, Abgeordnetem Dr. Alois PUMBERGER, im Budgetsaal des Parlaments eröffnet wurde. Vor den zahlreichen Referaten der Experten gaben Franz Kardinal KÖNIG und Gesundheitsstaatssekretär Dr. Reinhart WANECK grundsätzliche Eröffnungsstatements ab.

Der emeritierte Erzbischof von Wien, Kardinal Franz KÖNIG, leitete sein Referat mit der Feststellung ein, das Thema "Solidarität mit unseren Sterbenden" sei ihm persönlich ein großes Anliegen, er halte es für eine Schicksalsfrage des österreichischen Volkes und des ganzen europäischen Kontinents. Der Kardinal dankte allen Parteien für ihre Zustimmung zur heutigen Enquete und sprach die Hoffnung aus, dass von Österreich Signale ausgehen, die die europäische Meinungsbildung fördern. Denn auch wenn es im demokratischen Gemeinwesen unterschiedliche politische Konzepte gebe, bestünden Anliegen, die außer Streit sein müssten. Dazu gehöre das Problem der Euthanasie und die dadurch notwendig gewordene Solidarität mit den Sterbenden. Angesichts der Fortschritte der modernen Medizin, mit ihren Möglichkeiten, die Lebenszeit des Menschen zu beeinflussen, laute die Grundfrage: "Darf man das Leben des Menschen, aus unterschiedlichen Gründen darum gebeten, aktiv beenden, das heißt den Menschen töten?" Manche bejahten diese Frage und begründen sie mit Mitleid und Barmherzigkeit gegenüber unheilbar Kranken. Als Mensch und Christ könne er sich einer solchen "autonomen Verfügung über das menschliche Leben" nicht anschließen, sagte Kardinal König und wusste sich damit in Übereinstimmung mit fast allen Ärzten und mit dem deutschen Bundespräsidenten, der kürzlich feststellte: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Kardinal Franz König argumentierte für die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens mit den Grundwerten sowohl des humanistischen als auch des christlichen Menschenbildes. Er interpretierte das fünfte Gebot "Du sollst nicht töten", indem er sagte: "Du hast kein Verfügungsrecht über einen anderen Menschen, über sein Leben, ganz gleich in welcher Situation er sich befindet".

Es sei daher zu begrüßen, dass auch die medizinische Ethik den ganzen Menschen wieder mehr in den Mittelpunkt rücke. Es gehe um eine würdevolle Bewältigung der ganzen Lebenszeit, besonders aber um die letzte Wegstrecke, wenn der Kranke über medizinische Hilfe hinaus auf mitmenschliche Zuwendung und Liebe angewiesen ist. Hier ist die demokratische Gesellschaftsordnung gefordert, denn ein Gemeinwesen wird am Umgang mit seinen schwächsten Gliedern gemessen. Der Einzelne soll nicht durch den Staat bevormundet werden, sondern es sollen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die den Wunsch des Einzelnen, getötet zu werden, kaum aufkommen lassen, weil sich der Patient auf der letzten Wegstrecke umsorgt, geliebt und geborgen fühlt.

Zu den Voraussetzungen dafür zählen eine gute Schmerzmedizin, deren Leistungen heute bereits beachtlich sind, und eine wachsende Verantwortung der Gesellschaft. Jenen, die Euthanasie oder aktive Sterbehilfe befürworten, sei nicht bewusst, welche Bedeutung gerade die letzte Wegstrecke für die Menschen haben kann, betonte der Kardinal. Die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach dem Sinn der Krankheit sei zur Kenntnis zu nehmen und neu zu stellen. Denn "jeder Sterbende ist und bleibt als Mensch eine einmalige Persönlichkeit, ein Ich und seiner selbst bewusst mit unantastbarer Würde und Eigenart vom Anfang bis zum Ende." Die letzte Lebensphase sei oft entscheidend für die Orientierung und Antwort auf letzte Lebensfragen, das Ausklammern des Gedankens an das Lebensende könne oft stärker belasten als die Auseinandersetzung damit im verständnisvollen Gespräch. Menschliche Größe liege nicht nur in Gesundheit und Leistung, sondern auch in der Art und Weise, wie jemand mit seiner Krankheit, mit dem Wissen um seine Grenzen zurecht kommt. Krankheit und Sterben sind nicht nur negativ zu sehen. Kardinal Franz König schloss mit der Schilderung persönlicher Erinnerungen, als er am Bette Sterbender "mit Kinderaugen sehen konnte, wie das Leben am Ende in Ruhe, Gelassenheit und Frieden heimkehrt zum Schöpfer, von dem es ausgegangen ist".

Staatssekretär für Gesundheit Dr. Reinhart WANECK leitete seine Ausführungen im Hinblick auf die jüngste holländische Entscheidung für die Euthanasie mit dem Satz ein: "Ärzte wollen keine Henker sein" und wies darauf hin, dass 89 % der Wiener Ärzte die Euthanasie ablehnen. Auch die Bundesregierung sei entschieden gegen jeden Schritt in Richtung aktive Sterbehilfe. Statt dessen wurden im Krankenanstaltenplan Verbesserungen im stationären Bereich vorgesehen und ein Plan für den Ausbau des Hospizwesens und der Palliativmedizin entwickelt. Auch extramural sollen Voraussetzungen geschaffen werden, die ein Lebensende zu Hause im Kreis der Familie ermöglichen sollen. Denn Sterben ist ein Teil des Lebens, zeigte sich der Staatssekretär als Arzt und verantwortlicher Gesundheitspolitiker überzeugt.

Dann befasste sich Dr. Waneck näher mit der Entscheidung des niederländischen Senats, ein Gesetz zur Legalisierung der Euthanasie anzunehmen, womit sich mit den Niederlanden erstmals ein Mitglied der Europäischen Union außerhalb der europäischen Wertegemeinschaft gestellt habe. Den großzügigen Umgang der Niederländer mit der Euthanasie führte Dr. Waneck auf die jahrhundertelange Duldungspolitik zurück, mit der versucht wurde, bei politischen Streitigkeiten Ausnahmen von gesetzlichen Regelungen zuzulassen. Man legte die Bedingungen fest, mit denen Gesetzesübertretungen geduldet werden durften. Dieser Pragmatismus präge noch immer die niederländische Gesellschaft und Justiz. Man duldet, um Schlimmeres zu verhüten, kleinere Übel, die aber in streng überwachten Bahnen abzulaufen haben. Waneck lehnte die Auffassung entschieden ab, der Arzt habe das menschliche Leben nur dort zu verlängern, wo es sinnvoll sei. Das Argument, durch ein Verbot der aktiven Sterbehilfe würde das Selbstbestimmungsrecht des Menschen verletzt, treffe in Österreich nicht zu, weil jeder Patient das Recht habe, eine Behandlung, die den Tod lediglich hinauszögere, zu verweigern. Äußerungen des Todeswunsches seien oft nur verdeckte Mitteilungen, sagte Dr. Waneck, seien meist als Hilferufe um menschliche Zuwendung zu verstehen. Solcherart widerspiegeln sie Solidaritätsdefizite und die Neigung, den Tod zu verdrängen und zu tabuisieren, nicht jedoch das Bedürfnis nach Sterbehilfe. Im Gegenteil, US-Erfahrungen zeigen, dass Menschen um den Tod bitten, weil sie Angehörigen nicht zur Last fallen wollen. Das beweise eine unakzeptable Erhöhung des Drucks auf Kranke und alte Menschen und widerlege das Märchen vom humanen Töten. Die Lösung des Leids könne nicht darin liegen, die Leidenden zu beseitigen, sagte Staatssekretär Waneck.

Die Palliativmedizin sieht den Menschen als Mittelpunkt eines Kreises, um den herum ein multidisziplinäres Team aller Gesundheits-und Sozialberufe sowie die Seelsorger stehen. Dieser wird von einem äußeren Kreis an Ärzten sowie stationären und ambulanten Diensten unterstützt. Dabei gehe es um die Verbesserung der Lebensqualität schwerst kranker Menschen: Schmerzen sind zu lindern, die Angst davor zu nehmen und die Kooperation und Kommunikation aller Beteiligten zu fördern. Denn die Versorgung schwerkranker Menschen erfordere ein besonders gutes Management. Das bedeute eine Abkehr von der Reparatur- und Apparate-Medizin in Richtung auf eine bedürfnisorientierte Zuwendungsmedizin, in der Zeit und Qualität geboten werden. Das wird die Bundesregierung bei der Reform des Gesundheitswesens berücksichtigen, kündigte der Gesundheitsstaatssekretär an.

Schwerkranke Menschen wollen bis zuletzt leben, wenn ihnen die Schmerzen genommen und mentale Unterstützung geboten wird, das zeigen alle diesbezüglichen Umfragen. Die Voraussetzungen dafür wurden durch die Änderung des Suchtmittelgesetzes neu geregelt und damit die Möglichkeit einer forcierten Schmerztherapie eröffnet. Die Verpflichtung des Anstaltsträgers, für ein würdiges Sterben im Krankenhaus zu sorgen, ist im Krankenanstaltengesetz fixiert. Staatssekretär Waneck unterstrich das Anliegen, eine optimale palliative Betreuung sowohl intra- als auch extramural zu ermöglichen, um der Debatte über Euthanasie den Boden zu entziehen. Diese österreichische Haltung stehe im Einklang mit den Empfehlungen des Europarates und den Prinzipien der Bioethik-Konvention.

Es genügt aber nicht, der Euthanasie ablehnend gegenüber zu stehen. Wir müssen auch die Voraussetzungen für den Einsatz der Palliativmedizin und menschliche begleitender Sterbehilfe schaffen. Es werde notwendig sein, mit den Bundesländern über Finanzierungsfragen zu verhandeln, denn bei der Behandlung schwerkranker Menschen dürfe man nicht mit Almosen auskommen müssen. (Fortsetzung)

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