ANTISEMITISMUS im Zeitvergleich - "VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG" aus der Sicht von Schülern

Pressekonferenz der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik - 25. Mai 2001, Presseclub Concordia

Wien (OTS) - Auch heute noch wird von manchen Politikern in Europa den Österreichern vorgeworfen, ihre Vergangenheit zu verdrängen. Demoskopische Untersuchungen der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE), der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft (SWS) und des Instituts für empirische Sozialforschung (IFES) widerlegen diese Vorurteile:

Unsere Untersuchungen zeigen:

  • Antisemitische Einstellungen haben eine rückläufige Tendenz.
  • Jugendliche stehen der "Vergangenheitsbewältigung" aufgeschlossen gegenüber.

Die Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft hat die Österreicher in den Jahren 1991 und 2001 mit folgender Aussage konfrontiert:

"Es wäre für Österreich besser, keine Juden im Land zu haben."

Stimme zu Lehne ab Weiß nicht /
Keine Angabe
Mai 1991* 24 % 54 % 22 %
April 2001** 13 % 63 % 24 %

* Tel SWS 41, Mai 1991, N = 500.
** SWS FB 339, April 2001, N = 1177.

Die Zustimmung zur Aussage, dass "es für Österreich besser wäre, keine Juden im Land zu haben", ist in den letzten 10 Jahren fast um die Hälfte zurückgegangen.

- Die Aussage wird fast durchgehend in allen Alters- und Bildungsschichten stärker abgelehnt als noch vor 10 Jahren.

- Besonders positive Veränderungen sehen wir im Meinungsbild von Pensionisten, Mittel- und Hochschulabsolventen.

- Eine Stabilisierung des Meinungsbildes erkennen wir - auf sehr hohem Niveau - in der Gruppe deklarierter FPÖ-Sympathisanten und auf niedrigerem Niveau bei Anhängern der ÖVP. Diese Tendenz zeigt sich auch bei Selbständigen und Landwirten.

Das Antwortverhalten von Befragten bestätigt die angeführten Tendenzen. Zwei Institute, IFES und SWS, haben - in sehr ähnlicher Form - die Österreicher mit zwei Aussagen konfrontiert:

Aussage 1: "Durch ihr Verhalten sind die Juden an ihrer Verfolgung nicht ganz unschuldig"

Bitte bewerten Sie diese Aussage anhand einer Skala von 1 bis 7, wobei 1 "stimme überhaupt nicht zu" und 7 "stimme voll und ganz zu" bedeutet.

1 2 3 4 5 6 7 weiß nicht / keine Angabe Oktober 2000* 27 % 12 % 9 % 20 % 11 % 9 % 7 % 4 %

*IFES, Oktober 2000, N= 2000.

16 % stimmen der IFES-Aussage voll und ganz zu (Noten 6 + 7).
39 % lehnen die IFES-Aussage völlig ab (Noten 1 + 2).
15 % stimmen der SWS-Aussage voll und ganz zu (Noten 6 + 7).
35 % lehnen die SWS-Aussage völlig ab (Noten 1 + 2).

Aussage 2: "Durch ihr Verhalten sind die Juden am Antisemitismus nicht ganz unschuldig"

Bitte bewerten Sie diese Aussage anhand einer Skala von 1 bis 7, wobei 1 "stimme überhaupt nicht zu" und 7 "stimme voll zu" bedeutet.

1 2 3 4 5 6 7 weiß nicht / keine Angabe SWS April 2001* 23 % 12 % 9 % 13 % 10 % 5 % 10 % 19 %

* SWS FB 339, April 2001, N = 1177.

Eine IFES-Zielgruppenanalyse zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Wohnregion und Bildungsniveau: So stimmen Befragte in ländlichen Regionen ohne Matura (und hier vor allem Männer und Personen über 50 Jahre) der Aussage, dass "Juden an ihrer Verfolgung nicht ganz unschuldig" seien, deutlich häufiger zu als Befragte in städtischen Gebieten ohne Matura. Befragte mit Matura lehnen dieses Aussage - unabhängig von Geschlecht und Wohnort - am stärksten ab.

Die Ergebnisse von 6 Fragen einer von der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE) an 10 österreichischen Schulen durchgeführten

Umfrage unter Schülerinnen und Schüler
im Alter von 14 bis 18 Jahren (N = 1010)

zeigen:

Gerade Jugendliche halten die Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus und die Aufarbeitung dieses Teils unserer Geschichte für wichtig und notwendig.

90 % der Jugendlichen halten es für wichtig, über die Zeit des Nationalsozialismus informiert zu werden:

Frage 1: "Ist es wichtig, 14 bis 18-jährige darüber zu informieren, was zur Zeit des Dritten Reiches, also von 1933 bis 1945, geschehen ist?"

Sehr wichtig 61 %
Wichtig 29 %
Weniger wichtig 8 %
Unwichtig 3 %

Frage 2: "Sind Sie dafür, dass ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen wird oder sollten wir weiter "Vergangenheitsbewältigung" betreiben?"

weiter
Schlussstrich "Vergangenheitsbewältigung"
ziehen betreiben

Gesamtbevölkerung 57 % 39 %
Schüler 34 % 52 %

Mehr als zwei Drittel der Jugendlichen (69 %) sind der Ansicht, dass sich die heutige Jugend für die Vergangenheit interessiert. Bei der Gesamtbevölkerung liegt der Wert bei 57 %

(Tel SWS 119, Mai / Juni 2000, N = 1001).

Frage 3: "Glauben Sie, dass sich die heutige Jugend für dieses Thema interessiert?"

Ja Nein Gesamtbevölkerung 57 % 33 %
Schüler 69 % 17 %

Frage 4: "Wird durch die Vergangenheitsbewältigung, wie sie von Politikern, Journalisten und Historikern betrieben wird, die österreichische Jugend moralisch, wirtschaftlich oder politisch belastet?"

Ja Nein
Wirtschaftlich 23 % 53 %
Moralisch 37 % 42 %
Politisch 39 % 36 %

Frage 5: "Sind Sie der Meinung, dass die bisherigen Bemühungen zur Vergangenheitsbewältigung das Ansehen Österreichs verbessert oder verschlechtert haben oder hatten sie keine Auswirkungen?"

Bemühungen haben Österreichs Ansehen verbessert 34 % Bemühungen hatten keine Auswirkungen 22 % Bemühungen haben Österreichs Ansehen verschlechtert 19 %

Jugendliche verstehen unter "Vergangenheitsbewältigung" in erster Linie die Erarbeitung von Wissen um die Vergangenheit und das Eingeständnis von Schuld:

Frage 6: "Was verstehen Sie unter Vergangenheitsbewältigung?" (Mehrfachantworten möglich)

Ja Nein
Erarbeitung von Wissen
um die Vergangenheit 81 % 8 %
Eingeständnis von Schuld 71 % 17 %
Bestrafung von Tätern 49 % 33 %
Zahlungen an Opfer 47 % 35 %

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Österr. Gesellschaft für Europapolitik
Dr. Gerhard H. Bauer
Generalsekretär
Dr. Heinz Kienzl
Vizepräsident
Tel.: (01) 533 49 99

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NEF/OTS