"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Kinder und Inder" (von Monika Dajc) Utl.: Ausgabe vom 19. 5. 2001

Innsbruck (OTS) - Fachleute bringen das Thema aussterbendes Europa mit Dringlichkeit auf die Tagesordnung. Die Politik leistet sich den Luxus ideologischer Grabenkämpfe um "Kinder oder Inder" oder begnügt sich mit halbherzigem Lavieren um das heiße Thema Rentenfinanzierung. Will sich der alte Kontinent seine Zukunft sichern, dann müsste er zu allererst befriedigende Antworten auf all das bieten, was sich schon während der vergangenen Jahrzehnte grundlegend geändert hat.

Wir haben heute die bestausgebildete Generation von Frauen. Wie ihre Mütter und Großmütter wollen sie Kinder. Das Erwerbsleben ist in den allermeisten Fällen keine vorübergehende Phase mehr. Und da wirkt jede Lücke, die Politiker und Arbeitgeber bei den Möglichkeiten der Kinderbetreuung lassen, als gewaltiges Hindernis. Es mag viele schmerzen, erscheint aber als unumkehrbarer Trend: Jüngere bevorzugen neue Formen des Zusammenlebens. Die Schlusslichter bei den Geburtenraten - Italien und Griechenland - beweisen anschaulich, dass es nicht mehr dort die meisten Kinder gibt, wo die traditionelle Familie am höchsten im Kurs steht. Da böte sich für die Politik ein weites Betätigungsfeld, um jene Voraussetzungen zu schaffen, damit die Menschen ohne bürokratische Hürden und scheele Blicke ihre Leben so gestalten können, wie sie wollen.

Allein werden es die Europäer nicht schaffen. Nach Alarmrufen der Wirtschaft raffte sich der deutsche Kanzler Schröder im Vorjahr mit seiner Greencard-Initiative für EDV-Spezialisten zu einer neuen Initiative in der Zuwanderungspolitik auf. Die Debatte wird ständig um weitere Skurrilitäten bereichert. Europa baut auf seine ungebrochene Attraktivität und gibt sich wählerisch: Facharbeiter könnten ruhig kommen, Akademiker vielleicht auch. Dass der Magnet Amerika mit einer Sprache und geographischer Vielfalt im Kampf um Arbeitskräfte in jeder Beziehung noch immer die Nase vorn hat, muss Europas Politik wohl noch erst auf schmerzhafte Weise entdecken.

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