VOM LEBEN UND ÜBERLEBEN - WEGE NACH RAVENSBRÜCK Buchpräsentation im Hohen Haus

Wien (PK) - Am späten Nachmittag wurde heute im Empfangssalon des Parlaments das Buch "Vom Leben und Überleben - Wege nach Ravensbrück" von Nationalratspräsident Dr. Heinz Fischer präsentiert. Die beiden Autorinnen Mag. Helga Amesberger und Mag. Brigitte Halbmayr haben in mehrjähriger Arbeit die Lebensgeschichten von 42 österreichischen Überlebenden des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück aufgezeichnet, analysiert und dokumentiert. Ergebnis der Recherchen ist zum einen eine wissenschaftliche Aufbereitung der erzählten Erinnerungen, zum anderen eine Zusammenstellung der Lebensgeschichten der Frauen, angereichert mit Bild und Dokumentationsmaterial.

Nationalratspräsident Fischer, der die zahlreichen Gäste herzlich begrüßte, sprach von einer außerordentlich wichtigen Publikation. Wenn die Befassung mit Zeitgeschichte so etwas wie ein Mosaik darstellt, in das man immer wieder Bausteine einfügen muss, damit das Bild richtig, echt und plastisch wird, dann sind diese beiden Bände sicher so ein Steinchen.
Den Namen Ravensbrück verbinde er vor allem mit dem Namen Rosa Jochmann, die gar nicht anders konnte, als immer wieder über ihre Erlebnisse im KZ Ravensbrück zu erzählen, berichtete Fischer. Da sie heuer im Sommer ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte, plane man, im Parlament eine Gedenkveranstaltung für sie abzuhalten. Er sehe das vorliegende Buch als einen Beitrag gegen Neofaschismus, Rassismus und Neonazismus, schloss Fischer, und so solle es auch gelesen werden und so solle es auch wirken.

Dr. Hannes Hofbauer (Promedia Verlag) wies darauf hin, dass sich der Promedia-Verlag seit 20 Jahren bemühe, Bücher gegen das Vergessen und für ein gesellschaftskritisches und historisches Bewußtsein herauszugeben. Ein Schwerpunkt dabei sei der Antifaschismus bzw. das Leben im Nationalsozialismus, erläuterte Hofbauer, weshalb er sehr erfreut sei, dass das Projekt der beiden Autorinnen in der "Edition Spuren" erscheinen konnte. Für besonders wichtig erachtete er, dass dabei der Blick erweitert wurde um die zeitliche Dimension nach 1945, da die Demütigungen der überlebenden Frauen nicht schlagartig aufgehört haben.

Wir freuen uns sehr, dass das Ergebnis von jahrelanger Arbeit heute im Parlament vorgestellt werden kann, betonte Mag. Brigitte Halbmayr. Dies sei nicht nur ein Zeichen der Anerkennung für den untersuchten Forschungsschwerpunkt, sondern auch eine Würdigung jener Frauen, die durch die Hölle von Ravensbrück gegangen sind. Sie bedankte sich sodann bei jenen Frauen, die bereit waren, in das erlittene Leid einzutauchen und ihre traumatischen Erlebnisse zu erzählen. Unser Bestreben war es, diese Geschichten vor dem Vergessen zu bewahren und zu zeigen, dass der Krieg nicht nur eine Männersache war, unterstrich die Autorin. Durch diese Zusammenarbeit sind auch noch zwei weitere Projekte entstanden, und zwar eine Wanderausstellung sowie ein Video-Archiv-Projekt.

Mag. Helga Amesberger erläuterte sodann die inhaltlichen Schwerpunkte des ersten Bandes, der vor allem drei Themenbereiche behandelt: die Sozialisation im Elternhaus und in politischen Organisationen; der Widerstand, die Verfolgung, die Deportation und die Inhaftierung sowie die Befreiung und die Reintegration in die Gesellschaft. Die Frauen stammten aus ganz unterschiedlichen Milieus, erläuterte die Autorin, und die Analyse zeige, dss der soziale Hintergrund ausschlaggebend war für das politische Engagement. Bedeutsam für das Leben, das Überleben und die Verarbeitungsstrategien waren zudem die Prägungen in der Kindheit. All die vielen Gespräche vermittelten uns, wie wichtig es ist, rechtzeitig gegen Neofaschismus, Neonazismus und Rassismus aufzutreten, führte sie weiter aus, und sie hoffe, sowohl den Frauen mit dieser Publikation gerecht zu werden als auch den Lesern und Leserinnen einen Einblick in die Lebensgeschichten dieser interessanten Frauen gewähren zu können.

Es sei ein schönes Gefühl, das wir heute empfinden, meinte Irma Trksak, die für die Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück sprach. Die Lebensgeschichten der 42 Überlebenden stehen stellvertretend für unzählige andere österreichische Frauen, die den Mut aufgebracht haben, gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime Widerstand zu leisten oder sich die Freiheit genommen haben, nach ihren eigenen Grundsätzen zu leben. Man muss dafür Sorge tragen, dass die nachfolgenden Generationen diese schreckliche Zeit nicht mehr erleben müssen, unterstrich sie. Unser "Niemals Vergessen" sei eine ständige Mahnung dafür, was geschehe, wenn Freiheit und Demokratie zerschlagen werden und die Gewalt siegt. Außerdem bedeute es auch eine Verpflichtung, jene Opfer, die nicht das Glück hatten, zu überleben, in Erinnerung zu halten und zu ehren. Sie wünsche sich daher, dass diese Lebensgeschichten nicht nur in den offiziellen Bibliotheken und Archiven landen, sondern auch Einzug in die Schulen und Universitäten halten.

DAS FRAUENKONZENTRATIONSLAGER RAVENSBRÜCK

Das "Frauenkonzentrationslager Ravensbrück" war eine der schrecklichen Stätten des Grauens während der nationalsozialistischen Herrschaft. Es lag 80 km nördlich von Berlin. 130.000 Frauen aus zahlreichen Ländern Europas wurden dorthin deportiert, in seinen Mauern gequält, gedemütigt, ausgebeutet und viele von ihnen ermordet. Über das Schicksal der gefangenen Österreicherinnen berichten die beiden Bände des Buches. Damit liegt erstmals eine umfassende Dokumentation österreichischer Überlebender des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück vor.

Das Erleiden des nationalsozialistischen Terrors ist zentraler Bestandteil der Lebensgeschichten, dennoch haben die Frauen auch davor und danach eine Geschichte, heißt es im Pressetext des Promedia-Verlages. Diese wurde in den bisherigen Studien meist außer Acht gelassen oder nur am Rande thematisiert. Im Mittelpunkt des ersten Bandes steht daher eine vergleichende Analyse der Unterschiede in der Sozialisation, in der Verfolgungsgeschichte und in den persönlichen "Verarbeitungsstrategien" - jeweils eingebettet in den historischen gesellschaftspolitischen und sozioökonomischen Kontext. Im zweiten Band erzählen 42 verfolgte Frauen ihr Leben. Die Aufarbeitung ihrer Geschichten soll dazu beitragen, die Verfolgungserfahrungen und den gelebten Widerstand vor dem Vergessen zu bewahren.

Helga Amesberger (geboren 1960 in Oberösterreich) studierte Ethnologie und Soziologie; Brigitte Halbmayr (geboren 1965 in Niederösterreich) machte ihren Studienabschluss in den Fächern Soziologie und Politikwissenschaften. Beide sind am Institut für Konfliktforschung tätig, wobei die Bereiche Rechtsextremismus und Nationalsozialismus die Schwerpunkte ihrer Arbeit darstellen.

Die zwei Bände des Buches "Vom Leben und Überleben - Wege nach Ravensbrück" sind im Promedia Verlag erschienen, umfassen 264 zw. 272 Seiten und sind um jeweils S 248,- im Buchhandel erhältlich. (Schluss)

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