• 17.05.2001, 19:28:11
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VOM LEBEN UND ÜBERLEBEN - WEGE NACH RAVENSBRÜCK Buchpräsentation im Hohen Haus=

Wien (PK) - Am späten Nachmittag wurde heute im Empfangssalon des
Parlaments das Buch "Vom Leben und Überleben - Wege nach Ravensbrück"
von Nationalratspräsident Dr. Heinz Fischer präsentiert. Die beiden
Autorinnen Mag. Helga Amesberger und Mag. Brigitte Halbmayr haben in
mehrjähriger Arbeit die Lebensgeschichten von 42 österreichischen
Überlebenden des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück
aufgezeichnet, analysiert und dokumentiert. Ergebnis der Recherchen
ist zum einen eine wissenschaftliche Aufbereitung der erzählten
Erinnerungen, zum anderen eine Zusammenstellung der Lebensgeschichten
der Frauen, angereichert mit Bild und Dokumentationsmaterial.

Nationalratspräsident Fischer, der die zahlreichen Gäste herzlich
begrüßte, sprach von einer außerordentlich wichtigen Publikation.
Wenn die Befassung mit Zeitgeschichte so etwas wie ein Mosaik
darstellt, in das man immer wieder Bausteine einfügen muss, damit das
Bild richtig, echt und plastisch wird, dann sind diese beiden Bände
sicher so ein Steinchen.
Den Namen Ravensbrück verbinde er vor allem mit dem Namen Rosa
Jochmann, die gar nicht anders konnte, als immer wieder über ihre
Erlebnisse im KZ Ravensbrück zu erzählen, berichtete Fischer. Da sie
heuer im Sommer ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte, plane man, im
Parlament eine Gedenkveranstaltung für sie abzuhalten. Er sehe das
vorliegende Buch als einen Beitrag gegen Neofaschismus, Rassismus und
Neonazismus, schloss Fischer, und so solle es auch gelesen werden und
so solle es auch wirken.

Dr. Hannes Hofbauer (Promedia Verlag) wies darauf hin, dass sich der
Promedia-Verlag seit 20 Jahren bemühe, Bücher gegen das Vergessen und
für ein gesellschaftskritisches und historisches Bewußtsein
herauszugeben. Ein Schwerpunkt dabei sei der Antifaschismus bzw. das
Leben im Nationalsozialismus, erläuterte Hofbauer, weshalb er sehr
erfreut sei, dass das Projekt der beiden Autorinnen in der "Edition
Spuren" erscheinen konnte. Für besonders wichtig erachtete er, dass
dabei der Blick erweitert wurde um die zeitliche Dimension nach 1945,
da die Demütigungen der überlebenden Frauen nicht schlagartig
aufgehört haben.

Wir freuen uns sehr, dass das Ergebnis von jahrelanger Arbeit heute
im Parlament vorgestellt werden kann, betonte Mag. Brigitte Halbmayr.
Dies sei nicht nur ein Zeichen der Anerkennung für den untersuchten
Forschungsschwerpunkt, sondern auch eine Würdigung jener Frauen, die
durch die Hölle von Ravensbrück gegangen sind. Sie bedankte sich
sodann bei jenen Frauen, die bereit waren, in das erlittene Leid
einzutauchen und ihre traumatischen Erlebnisse zu erzählen. Unser
Bestreben war es, diese Geschichten vor dem Vergessen zu bewahren und
zu zeigen, dass der Krieg nicht nur eine Männersache war, unterstrich
die Autorin. Durch diese Zusammenarbeit sind auch noch zwei weitere
Projekte entstanden, und zwar eine Wanderausstellung sowie ein Video-
Archiv-Projekt.

Mag. Helga Amesberger erläuterte sodann die inhaltlichen Schwerpunkte
des ersten Bandes, der vor allem drei Themenbereiche behandelt: die
Sozialisation im Elternhaus und in politischen Organisationen; der
Widerstand, die Verfolgung, die Deportation und die Inhaftierung
sowie die Befreiung und die Reintegration in die Gesellschaft. Die
Frauen stammten aus ganz unterschiedlichen Milieus, erläuterte die
Autorin, und die Analyse zeige, dss der soziale Hintergrund
ausschlaggebend war für das politische Engagement. Bedeutsam für das
Leben, das Überleben und die Verarbeitungsstrategien waren zudem die
Prägungen in der Kindheit. All die vielen Gespräche vermittelten uns,
wie wichtig es ist, rechtzeitig gegen Neofaschismus, Neonazismus und
Rassismus aufzutreten, führte sie weiter aus, und sie hoffe, sowohl
den Frauen mit dieser Publikation gerecht zu werden als auch den
Lesern und Leserinnen einen Einblick in die Lebensgeschichten dieser
interessanten Frauen gewähren zu können.

Es sei ein schönes Gefühl, das wir heute empfinden, meinte Irma
Trksak, die für die Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück
sprach. Die Lebensgeschichten der 42 Überlebenden stehen
stellvertretend für unzählige andere österreichische Frauen, die den
Mut aufgebracht haben, gegen das nationalsozialistische
Unrechtsregime Widerstand zu leisten oder sich die Freiheit genommen
haben, nach ihren eigenen Grundsätzen zu leben. Man muss dafür Sorge
tragen, dass die nachfolgenden Generationen diese schreckliche Zeit
nicht mehr erleben müssen, unterstrich sie. Unser "Niemals Vergessen"
sei eine ständige Mahnung dafür, was geschehe, wenn Freiheit und
Demokratie zerschlagen werden und die Gewalt siegt. Außerdem bedeute
es auch eine Verpflichtung, jene Opfer, die nicht das Glück hatten,
zu überleben, in Erinnerung zu halten und zu ehren. Sie wünsche sich
daher, dass diese Lebensgeschichten nicht nur in den offiziellen
Bibliotheken und Archiven landen, sondern auch Einzug in die Schulen
und Universitäten halten.

DAS FRAUENKONZENTRATIONSLAGER RAVENSBRÜCK

Das "Frauenkonzentrationslager Ravensbrück" war eine der
schrecklichen Stätten des Grauens während der nationalsozialistischen
Herrschaft. Es lag 80 km nördlich von Berlin. 130.000 Frauen aus
zahlreichen Ländern Europas wurden dorthin deportiert, in seinen
Mauern gequält, gedemütigt, ausgebeutet und viele von ihnen ermordet.
Über das Schicksal der gefangenen Österreicherinnen berichten die
beiden Bände des Buches. Damit liegt erstmals eine umfassende
Dokumentation österreichischer Überlebender des
Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück vor.

Das Erleiden des nationalsozialistischen Terrors ist zentraler
Bestandteil der Lebensgeschichten, dennoch haben die Frauen auch
davor und danach eine Geschichte, heißt es im Pressetext des
Promedia-Verlages. Diese wurde in den bisherigen Studien meist außer
Acht gelassen oder nur am Rande thematisiert. Im Mittelpunkt des
ersten Bandes steht daher eine vergleichende Analyse der Unterschiede
in der Sozialisation, in der Verfolgungsgeschichte und in den
persönlichen "Verarbeitungsstrategien" - jeweils eingebettet in den
historischen gesellschaftspolitischen und sozioökonomischen Kontext.
Im zweiten Band erzählen 42 verfolgte Frauen ihr Leben. Die
Aufarbeitung ihrer Geschichten soll dazu beitragen, die
Verfolgungserfahrungen und den gelebten Widerstand vor dem Vergessen
zu bewahren.

Helga Amesberger (geboren 1960 in Oberösterreich) studierte
Ethnologie und Soziologie; Brigitte Halbmayr (geboren 1965 in
Niederösterreich) machte ihren Studienabschluss in den Fächern
Soziologie und Politikwissenschaften. Beide sind am Institut für
Konfliktforschung tätig, wobei die Bereiche Rechtsextremismus und
Nationalsozialismus die Schwerpunkte ihrer Arbeit darstellen.

Die zwei Bände des Buches "Vom Leben und Überleben - Wege nach
Ravensbrück" sind im Promedia Verlag erschienen, umfassen 264 zw. 272
Seiten und sind um jeweils S 248,- im Buchhandel erhältlich.
(Schluss)

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