"Die Presse"-Kommentar: "Einmischen tut not" von Hans Werner Scheidl

Ausgabe vom 16.5.2001

WIEN (OTS). Als er in den sechziger Jahren seinen ersten Auftrag in der Wiener Innenstadt ausführte, da war dies eine Revolution. Hans Hollein, damals ein junger, noch unbekannter Architekt, schlug mit einem Geniestreich eine Bresche in die einfallslose großbürgerlich-betuliche Ladenfront des Kohlmarktes: Retti's Kerzengeschäft. Eine winzige Sache. Eine witzige - bis heute.
Die Graphische Sammlung Albertina ist kein Kerzengeschäft. Sie erhebt sich als vorgeschobener Teil des Hofburg-Komplexes auf Resten der alten Bastei an einer sehr sensiblen Stelle inmitten mehr oder minder guter Ringstraßen-Architektur. Der Eingangsbereich in die weltberühmte Sammlung war nie sehr glücklich gestaltet, neue Ideen waren hier seit langem gefragt. Hans Hollein, ein Kind dieser Stadt, ist von der Heimat nie sonderlich gefördert worden, er hat seinen eigenwilligen Weg im Ausland gemacht, eine Wiedergutmachung war schon lange fällig. Der inzwischen zum Professor Geadelte mußte einfach den Wettbewerb zur Neugestaltung des Albertina-Aufganges gewinnen.
Er gewann. Mit einem Konzept, dessen Beurteilung der oft selbsternannten Fachwelt allein nicht überlassen werden darf. Dazu ist Stadtbildgestaltung viel zu heikel, um sie nur einer Handvoll von Experten zu überlassen. Die Stadt gehört nicht irgendeiner Jury, sie gehört uns allen.
Umso befremdlicher ist das totale Desinteresse der Öffentlichkeit in dieser Causa. Das Modell des Siegerprojektes ist schon mehrfach abgebildet worden - wer will, kann sich sein Urteil bilden: Die zwei Rolltreppen rechts neben dem Danubius-Brunnen mögen ihre Berechtigung und Sinnhaftigkeit haben. Sie öffnen die Bastei förmlich dem Besucher, sie ziehen ihn in das Haus. Daß über dem Eingang - in Höhe des Reiterstandbildes - ein Flugdach aus Titan als Blickfang dienen muß, das freilich ist viel weniger argumentierbar. Wir kennen dieses trampolinartige Accessoire bereits von Holleins Haas-Haus, es wirkte pfiffig-originell, beim zweiten Mal wirkt es hausbacken. Die angestrebte ästhetische Wirkung ist bei jeder BP-Tankstelle zu studieren und steht in einem interessanten Spannungsverhältnis zum Würstelstand direkt vor dem Brunnen-Ensemble.
Aber die Albertina ist keine Tankstelle. Auch keine Würstelbude. Tut uns leid. Auch das Argument, bei dieser Platzgestaltung sei ohnedies schon Hopfen und Malz verloren, sollte uns nicht davon abhalten, nach besseren Lösungen zu suchen. Gewiß ist die "Möblierung" vor der Albertina keine geglückte. Das wissen inzwischen auch die Verantwortlichen. Man hat der Stadt ein Mahnmal gegen Krieg und Faschismus gegeben und dafür dem Bildhauer Alfred Hrdlicka einen Spielplatz überlassen.
Es ist heute keine Schande mehr, einzugestehen, daß dieser Versuch mißlungen ist. Die Bruchstückhaftigkeit der Blöcke, die unüberlegte Aufstellungsform, dieses Unzusammenhängende bewirkt das Gegenteil von Betroffenheit - es läßt völlig kalt. Der straßenwaschende Jude, der (mit der Stele der Unabhängigkeitserklärung) völlig genügt hätte, ist in den Proportionen mißglückt - wer wüßte das nicht besser als Hrdlicka, dieser Meister pathetisch-politischer Ausdruckskunst?
Es steht zu befürchten, daß der Zug schon abgefahren ist. An den divergierenden Interessen der Sammlung Albertina und jenen der Stadtbildpflege (einer Magistratsabteilung) dürfte eine sinnvolle -und vor allem herzeigbare - Gesamtgestaltung dieses verlorenen Winkels hinter der Oper scheitern. Aber wenn anhand dieses kleinen Beispiels die Bewohner der Stadt endlich ihre Augen aufmachten, mit wachen Sinnen durch die City gingen - und sich notfalls auch artikulierten - dann wäre schon viel gewonnen.

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