Pressestimmen/Vorausmeldung/Innenpolitik

Presse-Kommentar: Pfui Ordnung (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 9. Mai 2000

WIEN (OTS). Die Schule ist jener Ort, in der (in Umkehrung eines ironischen
Seneca-Wortes) nicht für sie, sondern fürs Leben gelernt wird - im Idealfall. Und sie ist zwangsläufig auch der Ort, in dem die Sturm-und Drangzeit der Jugend auf ein gewisses Korsett an Normen und Regeln trifft. An ihm haben Generationen (der Autor weiß, wovon er spricht) gerüttelt und gelitten. An ihm ist in allen Generationen experimentiert worden. Und von ihm haben, auch wenn das Korsett über die Zeit loser geschnürt worden ist, Generationen letztlich profitiert.
Was seit Generationen auch gleich ist: Wann immer im Zusammenhang mit dem Thema Schule das Wort Ordnung auftaucht, schreit sozialdemokratische Schulpolitik Feuer. Was Wunder also, daß auch das von der Regierung am Dienstag im Ministerrat beschlossene Schulpaket bei Rot und Grün reflexartig wilde Proteste hervorgerufen hat. Grund: Im Rahmen der Novelle zum Schulunterrichtsgesetz sollen die Schulen ermächtigt werden, sich selbst eine Schulordnung zu geben.
Na, da seien aber die heilige Katharina und ein paar Polemiken vor:
Ministerin Gehrer zaubere das Rohrstaberl zurück auf die Schulbank, die Schulen kehrten um in die pädagogische Steinzeit, und die Regelung ermögliche es Schulen künftig, sich mißliebiger Schüler einfach zu entledigen. Zustimmung zu so einer Gesetzesnovelle (sie braucht eine Zweidrittelmehrheit)? Nie und nimmer.
Was SPÖ und Grüne da beklagen, ist nicht etwa die bayrische (und im übrigen Deutschland diskutierte) Praxis, wo Schulschwänzer-Streifen der Polizei für einen erheblichen Rückgang der unerlaubten Absenzen gesorgt haben. Nein, es ist die in Österreich angestrebte Reform, daß Eltern, Lehrer und Oberstufenschüler statt einer zentral vorgegebenen Hausordnung selbst einen Verhaltenskodex beschließen und festlegen, wie bei Verstößen dagegen zu reagieren ist. Das ist Basisdemokratie wie aus dem Schulbuch, und in Wahrheit könnten auch jene protestieren, die eine zu laxe Handhabung einiger unumstößlicher Schulregeln fürchten.
Aber Sachlichkeit ist nicht gefragt. Schließlich geht es um das Pfui-Wort Schulordnung.

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