WirtschaftsBlatt-Kommentar zur Chipkarte von Arno Maierbrugger

Chipkarte für alle Peinlichkeiten

Wien (OTS) - Die Posse um die Vergabe des Chipkarten-Auftrags der Sozialversicherungen strebt ihrem Höhepunkt zu. Und zwar einem Höhepunkt der Peinlichkeiten, in dem sich das wahre Wesen lang gepflegter Vergabepraktiken in diesem Land spiegelt. Die Entscheidung soll durch eine einstweilige Verfügung gestoppt werden. Der nach der derzeitigen politischen Windrichtung nicht konvenierende Präsident des Hauptverbandes der Sozialversicherungen, Hans Sallmutter, hat sich nämlich getraut, den 1,3-Milliarden-Schilling-Auftrag für die Sozialversicherungs-Chipkarte an den Billigstbieter EDS/Orga zu vergeben. Den Mitbewerbern, eine Allianz aus Siemens, Austria Card und Datakom, gefror das in Jahren der gemütlichen Industriepolitik so selbstverständlich gewordene Lächeln, weil sie den sensiblen Grossauftrag nicht wie üblich mit politischer Unterstützung zugespielt bekamen. Alles, wofür Hans Sallmutter sonst möglicherweise zu Recht kritisiert wird, gilt in dem Fall nicht. Den Zuschlag erhielten zwei professionelle Unternehmen, der Preis ist angemessen und die Durchführung gesichert. Vergangene Woche untermauerte der Hauptverband seine Haltung: Der Probebetrieb der Sozialversicherungs-Chipkarte startet Anfang 2002, die flächendeckende Einführung soll 2003 erreicht sein. Da sollen die Zu-kurz-Gekommenen klagen, so viel sie wollen, die Vergabe sei wasserdicht, hiess es. In Kauf nehmen müsse man halt die Verzögerung durch das Gerichtsverfahren, die 50 Millionen Schilling pro Monat koste, und auch die 80 Millionen Schilling, mit denen die Klagen zu Buche schlagen. Beitragszahler werden sich zu bedanken wissen. Dem Bundeskanzler der EU-Partei ÖVP fiel unterdessen nichts anderes ein, als den "Verlust des Auftrags ans Ausland" zu bedauern. Schüssel ist halt nicht immer optimal informiert: Das IT-Systemhaus EDS ist seit fast 15 Jahren in Österreich präsent, macht eine halbe Milliarde Schilling Umsatz und denkt nicht daran, Wertschöpfung abfliessen zu lassen. Und Orga ist ein zulässiger Konkurrent zu Austria Card. Dieser Zustand heisst Wettbewerb. Den Vogel schoss schliesslich noch der - nach eigener Definition - "Patriot" Adolf Wala, Chef der Nationalbank, ab. Er wolle Daten der Österreicher nicht "ins Ausland" geben. Solange mit solchen (Falsch-)Argumenten um einen Zuschlag gebuhlt wird, kann man kein Mitleid empfinden. (Schluss) amb

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