"Die Presse" Kommentar:"Neue Medizin für Bosnien" (von Wieland Schneider) Ausgabe: 8.5.2001

Ein Hagel von Steinen und wütendes Geschrei riß die hochrangigen Vertreter der internationalen Gemeinschaft unsanft aus ihren Träumen - den Träumen von einem multi-ethnischen Bosnien-Herzegowina, in dem die Volksgruppen einander mit Respekt und Toleranz begegnen.
Und wie so oft in der Vergangenheit standen die Abgesandten des Westens dem nationalistischen Wüten anfangs völlig ohnmächtig gegenüber: Sie mußten sich vor den Demonstranten vorübergehend in einem Gebäude der islamischen Gemeinschaft von Banja Luka versteckten. Draußen hatten die tobenden Serben allen Grund für Siegesgeheul: Die Grundsteinlegung für eine neue Moschee in der Hauptstadt der bosnischen Serbenrepublik mußte verschoben werden. Die Proteste in Banja Luka sind nur ein Symptom für die Krankheit des Balkan-Staates. Auch kroatische Extremisten in der Herzegowina schüren immer wieder Unruhen. Die Krankheit des Landes, die mit Vorfällen wie Banja Luka regelmäßig ausbricht, ist immer noch dieselbe wie vor einigen Jahren. Sie wurde offenbar nie richtig ausgeheilt.
Zwar haben bei den letzten Wahlen - vor allem bei den Bosniaken -multi-ethnische Parteien deutlich zugelegt. Nationalistische Politiker aller drei Volksgruppen (Bosniaken, Serben, Kroaten) ziehen aber nach wie vor im Hintergrund die Fäden. Sie gründen einen Teil ihrer Macht auf das organisierte Verbrechen, das - trotz schärferen Vorgehens der internationalen Gemeinschaft - das Land weiterhin umklammert.
Die Extremisten schaffen es nach wie vor, Menschen aufzuhetzen und die Massen auf die Straße zu bringen. Der Hohe Repräsentant der Internationalen Gemeinschaft in Bosnien, Wolfgang Petritsch, sieht in den Problemen nur ein "letztes Aufbäumen" der Nationalisten. Skeptiker warnen jedoch, die Extremisten könnten einen neuen Aufschwung erleben.
Um Bosniens Krankheit auszukurieren, bedarf es einer neuen Medizin. Das Abkommen von Dayton reicht längst nicht mehr aus. Es brachte lediglich die Waffen zum Schweigen. Einen wirklichen Frieden konnte es nicht bringen. Der Westen muß sich neue Wege überlegen.

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