"Zukunft Europas": Symposion im RadioKulturhaus

Am 9. und 10. Mai findet im RadioKulturhaus das internationale Symposion "Zukunft Europas" statt

Wien (OTS) - Am Mittwoch, den 9. und Donnerstag, den 10. Mai
findet im RadioKulturhaus das Symposion "Zukunft Europas" -Begrüßung: ORF-Generalintendant Gerhard Weis, Eröffnung:
Bundespräsident Dr. Thomas Klestil - statt. Im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionsrunden internationaler Experten stehen wissenschaftliche, politische, wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftspolitische Perspektiven Europas. Eine Dokumentation
des Symposions ist im Internet unter http://science.orf.at abrufbar.****

"Immer ist über dem geographischen Europa, seit seine Völker zur Kultur erwacht sind, ein geistiges sichtbar, immer erhebt eine andere Art der Kunst, der Wissenschaft das vielfarbige Banner der Einheit", schrieb Stefan Zweig in seinem 1932 erschienen Essay
"Der Europäische Gedanke in seiner historischen Entwicklung". Der hier beschworenen Form des geistigen Europäertums stand in der Geschichte der Europa-Diskurse auch ein Reden über Europa gegenüber, das nicht selten zum Gerede verkam, wie Hans Magnus Enzensberger bissig bemerkte: "Auf dem ideologischen Drogenmarkt wird ein Präparat namens Europa herumgereicht, als wäre es das Amphetamin der neunziger Jahre."

Die erwünschte Wirkung dieser "Europa-Droge" stellte sich aber nicht automatisch ein - die inneren Widersprüche Europas bleiben deutlicher denn je bestehen: ein Europa zwischen Illusionen,
Chancen und Realitäten. Ein Projekt zwischen Vision und
Stagnation. Ein Aufbruch mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Europa ist ein Kontinent der Vielfalt, der sich nicht "wie ein Großkonzern von einer Zentrale steuern lässt", sondern auch im globalen Wettbewerb seine Chance "in der reichen Artikulation
seiner Gesellschaftsformen, in seiner Komplexität und in seinem Reichtum an Überlieferungen, Haltungen und Qualifikationen" (Enzensberger) suchen wird müssen. Aktuelle europäische Sorgen wie BSE und die Maul- und Klauenseuche, aber auch kontroversiell diskutierte Fragen wie Migration, Sicherheit, Standortpolitik und Arbeitsplätze machen das "Projekt Europa" heute wieder zu einem spannenden Diskussionsthema. Es geht dabei nicht um eine aktualisierte Form der Europa-Rhetorik für das 21. Jahrhundert, sondern um die Frage, wie Probleme zu lösen sind, die Europas Bürger unmittelbar betreffen.

Die geplante Erweiterung der Europäischen Union wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie wird es um die Verfassung, aber
auch um die Vielfalt Europas, um seine Identitäten in Zukunft bestellt sein? Die Länder Mittel- und Osteuropas, die "vor der Haustüre" stehen, stellen ein wirtschaftliches Hoffnungsgebiet
dar. Die neuen Etappen der europäischen Integration sind aber auch eine Chance, das politische, gesellschaftliche und kulturelle Selbstverständnis Europas zu überdenken. Unterschiedliche Kultur-und Wissenschaftstraditionen bleiben auch dort bestehen, wo die europäischen Gesellschaften in wesentlichen Bereichen einander immer ähnlicher geworden sind. Zu dieser überwiegend positiv wahrgenommenen Vereinheitlichung haben viele Faktoren beigetragen:
Eine Angleichung der Beschäftigungsstrukturen ebenso wie ein Ausgleich des (Bildungs-)Gefälles zwischen Nord und Süd sowie zwischen Reich und Arm, die Entstehung europäischer Stadtkulturen, der Ausbau des Wohlfahrtsstaates, die Informations-Revolution in globalen Netzwerken und nicht zuletzt auch der Massentourismus. Dennoch musste sich Europa auch ein "Jahr der Sprachen" verordnen, um das Bewusstsein zu fördern, dass (sprachliche) Vielfalt nicht nur ein Übersetzungs- und Verwaltungsproblem darstellt, sondern eine Chance: Für die Entfaltung des Einzelnen, für den Bau von Brücken zwischen europäischen Gesellschaften, für Wirtschaftsstandorte und Wissensbezirke. Für den europäischen Dialog und die europäischen Dialoge mit den bekannten und den
neuen Nachbarn ist allerdings auch an den Satz des spanischen Schriftstellers und KZ-Häftlings Jorge Semprun zu erinnern: "Nicht Sprache ist meine Heimat, sondern das, was gesprochen wird."

Das größte Hindernis für ein starkes europäisches Identitätsgefühl liegt bei den Europäern selbst, die sich, wie der Soziologe Edgar Morin betont hat, immer noch in erster Linie in ihren nationalen Geschichten wiedererkennen: "Die Gemeinschaft
einer Nation schöpft aus einer langen Vergangenheit, die reich ist an Erfahrungen und Prüfungen, Leid und Freude, Niederlagen, Siegen und Ruhm, die in jeder Generation, jedem Individuum durch
Elternhaus und Schule weitervermittelt und tief verinnerlicht werden." Die künftige Integration Europas wird sich aber weniger
an Bildern nationaler Erinnerungen, sondern viel mehr an neuen Formen der Solidarität zu orientieren haben: nach innen wie nach außen. So bleibt es eine Schlüsselfrage für die "Zukunft Europas", dass die Europäer, wie der Historiker Hagen Schulze meint, ihren Kontinent vor lauter Nationen nicht deutlich genug wahrnehmen. Vielleicht trifft es zu, dass Europa, wenn man es als Ganzes und nicht als Summe seiner Teile begreift, immer noch ein unentdeckter Kontinent ist? Und könnte man dann nicht wirklich zu Recht behaupten, dass die Europäer erst lernen müssen, Europa zu denken und anzuerkennen, damit es Wirklichkeit werden kann?

Experten wie Michaele Schreyer (Mitglied der Europäischen Kommission, Brüssel), Jens Reich (Prof. f. Bioinformatik an der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin), Franz Josef Radermacher (Leiter des Forschungsinstituts für Anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW), Ulm), Heinz Nußbaumer (freier Publizist und politischer Berater, Wien), Sonja Puntscher-Riekmann (Leiterin der Forschungsstelle für Institutionellen Wandel und Europäische Integration an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien), Rudolf Hrbek (Professor für Politikwissenschaft an der Universität Tübingen), Vaclav Klaus (Parlamentspräsident der Tschechischen Republik, Prag), Dieter Simon (Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin), Leopold März (Rektor der Universität für Bodenkultur, Wien), Rainer Münz (Prof. f. Bevölkerungswissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin), Christian Jechoutek (Generaldirektion für öffentliche Sicherheit, Wien), Christian Segur-Cabernac (Bundesministerium für Landesverteidigung, Wien), Richard Schenz (Präsident der Industriellenvereinigung Wien), Fritz Verzetnitsch (Präsident des ÖGB,Wien), Hildegard Carola Puwak (Ministerin in der Kommission für europäische Integration des rumänischen Parlaments, Bukarest) und Wolfgang Hager (Korrespondierendes Mitglied am Centre for European Policy Studies, Brüssel) zählen zu den Vortragenden der von "Kurier"-Kommentator Alfred Payrleitner moderierten Veranstaltung.

Das von Österreich 1 in Kooperation mit der Industriellenvereinigung Wien, dem "Kurier", der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich, der Bundesarbeitskammer und dem Österreichischen Gewerkschaftsbund und dem Institut für den Donauraum und Mitteleuropa veranstaltete Symposion "Zukunft
Europas" findet am Mittwoch, den 9. und am Donnerstag, den 10. Mai jeweils ab 16.30 Uhr im Großen Sendesaal des RadioKulturhauses, Argentinierstr. 30a, 1040 Wien, statt. Der Eintritt ist frei. Eine Dokumentation des Symposions ist im Internet unter http://science.orf.at abrufbar.(ih)

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