"Die Presse" Kommentar: "Auf in den Kulturkampf" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 5.5.2001

Wien (OTS) Der neue Wiener Kulturstadtrat hat den Kulturkampf erklärt. Nichts
anderes kann es ja bedeuten, wenn er Wien zum "Gegenmodell" zur Kulturpolitik des Bundes macht. Daran ist an sich nichts Schlechtes. Dem Kulturbetrieb tut es immer gut, wenn mehrere Modelle zur Auswahl stehen, wenn Vielfalt herrscht, wenn Standpunkte, künstlerische Auffassungen zugespitzt dargestellt werden.
Etwas anderes ist es freilich, wenn alle Indizien - und viele Aussagen dieses Stadtrats - darauf hindeuten, daß es hier nicht um kulturelle Vielfalt, sondern um Propaganda, um jene parteipolitische Agitation gegen die Bundesregierung geht, zu deren Basis der SPÖ-Obmann Alfred Gusenbauer die Stadt Wien ausgerufen hat. Die Kultur im Dienste parteipolitischer Wahrheit: Das hat es noch vor kurzem östlich, nördlich und südlich Wiens gegeben: Hier gilt es sehr aufmerksam zu sein. Manche Künstler sind dies offenbar nicht: Man lese nur in den Archiven nach, mit welch fast identischem Wortlaut einzelne Kunst-Akteure nacheinander Pasterk, dann Marboe, dann Mailath-Pokorny bejubelt haben: Wes Brot ich eß' . . .
Völlig verständlich wäre die Kampfansage natürlich, würde jetzt im Bund parteipolitische Kultur gemacht, würden da nun bigott-katholische, deutsch-nationale, Lederhosen-konservative oder dumpf-reaktionäre Inhalte dominieren. Vielleicht sollte der junge Stadtrat die Herrn Holender, Bachler oder Mentha - die intensivsten Konsumenten der Kultursubventionen des Bundes - fragen, ob sie sich so sehen. Er sollte auch beim Berliner Theaterfest nachfragen, warum dort ausgerechnet das Burgtheater das meistgefeierte Haus des Sprachraums wurde.
Nur in einem einzigen Punkt kann der neue Stadtrat - so wie schon sein anders gefärbter Vorgänger - wirklich ein Gegenmodell sein, geht es ihm bei seinen Ankündigungen nicht nur um Parteipolitik: Er hat ein doppelt so hohes Budget wie das Kanzleramt für die Bundeskunst (mit Ausnahme der Museen). Obwohl der Bund für das ganze Land zuständig ist. Obwohl die Kulturinstitutionen des Bundes jene sind, die Millionen Besucher nach Wien und damit der Stadt zusätzliche Einnahmen bringen. Die Kulturinstitutionen des Bundes -Oper, Burg, aber natürlich auch Schönbrunn oder das Kunsthistorische Museum - begründen in weit höherem Ausmaß den Weltruf der Stadt als all das, wofür bisher Marboe und künftig Mailath ihre (unsere) Milliarden ausgeben. Dieser hat aber ein Budget, das noch keinem einzigen Sparpaket unterzogen worden ist, das fast alle Wünsche erfüllt. Im Bund hingegen hat die Schere der Sparsamkeit viele geschmerzt. Dennoch muß man gerade den genannten Bundes-Institutionen trotz Sparsamkeit höchsten künstlerischen Erfolg attestieren.
Mailath mokiert sich mit vollen Taschen leicht über Groschenzähler:
Muß doch praktisch alle die Gelder, die er ausgibt, nicht er, sondern der Finanzminister des vielgeschmähten Bundes auftreiben. Selten hat man drastischer den grundlegenden Konstruktionsfehler beim Umgang mit unseren Steuergeldern dargestellt bekommen. Ein Baufehler, der (mit Abzug der Parteipropaganda) auch in Hinblick auf die anderen Länder gilt. Der Bund, der die wichtigsten Kulturaufgaben hat, muß sparen, die Länder mit ihren sekundären Aufgaben schöpfen aus dem vollen. Sollte man da nicht Relationen und Verantwortlichkeiten endlich richtigstellen? Sollte man da nicht auch über eine Umstellung der Kulturförderung auf ein Sponsorsystem mit Steuerbegünstigung nachdenken? Das wäre pluralistischer, gerechter, effizienter und zugleich von Parteipolitik frei. Freilich: Es würde Österreichs neun Mailaths samt Chefs bedeutungslos machen. Daher ist das Ergebnis vorhersehbar.

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